Kinyarwanda – Integration durch Sprache

Wir hatten Ruanda u.a. wegen der Sprache gewählt. Englisch und Französisch sind Amtssprachen neben der Landessprache Kinyarwanda. In den letzten Jahren lagen in den Urlaubsreisen nach Tschechien und Polen die größten sprachlichen Herausforderungen. Ruanda war uns da also viel näher. Wer im Wedding zu Hause ist, kennt die sprachliche Vielfalt nur zu gut. Seit unserem Umzug nach Berlin 2012 hatte sich unser Kiez von einem Arbeiterbezirk, der Anfang der 2000er Jahre seine Eigenständigkeit zu Gunsten einer Fusion mit dem Bezirk Mitte aufgegeben hatte, zu einem „Szenekiez“ entwickelt. Wo früher der Bierbrunnen war und man sein Bier am Tresen trank, breiten sich heute Außenterrassen aus, die bayerisches Bier in der Flasche anbieten. Unser Viertel wurde zunehmend internationalisiert, was man auch an den unterschiedlichen Sprachen feststellen konnte. Das neu eröffnete italienische Kaffee NoLe hatte uns in den letzen Wochen vor der Ausreise quasi die Mittagsverpflegung mit sardischen Köstlichkeiten gesichert. Und ein paar Brocken Italienisch konnten wir auch noch lernen. Bezeichnend für die Entwicklung unseres Kiezes war die Begegnung mit einer Amerikanerin, die erzählte, dass sie kürzlich in den Kiez gezogen sei und nach einer Wohnung suche. Sie wollte alle Hausverwaltungen kontaktieren und erkundigte sich daher nach den jeweiligen Adressen. Auf den üblichen Portalen war es schlicht aussichtslos. Türkisch war natürlich ebenso präsent wie die arabische Sprache. Das konnten wir vor allem auf den umliegenden Spielplätzen hören, die wir stets frequentierten. Ich fand es bemerkenswert, wie die Kinder je nach Spielpartner zwischen den jeweiligen Sprachen wechselten. Und oft genug hatte man den Satz gehört, dass Integration durch Sprache erfolgt. Nun waren wir die „Fremden“ und Englisch und Französisch ermöglichten bisweilen eine ungehinderte Verständigung. Im Reiseführer hatte ich aber gelesen, dass Ruander es mit einem Lächeln honorierten, wenn man zumindest die Begrüßung in ihrer Landessprache Kinyarwanda versuche. Nichts leichter als das, dachte ich. Kinyarwanda ist eine Bantusprache, die für mich absolut neu war. Die Versuche, vom Hotelpersonal ein paar erste Worte zu lernen, wurde durch das Tragen der Maske zusätzlich erschwert. Bei der Aussprache war die Betonung aber besonders wichtig, denn ein Wort in Kinyarwanda konnte durchaus unterschiedliche Bedeutungen haben. Und so lernten wir die üblichen Begrüßungsformeln wie Waramutse (Guten Morgen), Amakuru? (Wie geht’s? – Die Antwort in unserem Fall war immer: Amakuru ni meza – Alles gut!) oder Murakoze (Danke). Es wird in jedem Fall eine Herausforderung werden und wir waren gewillt, sie anzunehmen. Doreen hatte einen Kauderwelsch Band Kinyarwanda gefunden, der eine erste systematische Annäherung an die Sprache ermöglichte. Er wird wohl in der nächsten Zeit zum ständigen Begleiter werden. Das Lächeln in den Gesichtern war es allemal wert. Durch den Lockdown sind unsere Kontakte derzeit noch auf das Hotel begrenzt. Dort begegnet uns aber eine Hilfsbereitschaft, Offenheit und Freundlichkeit, die echtes Interesse am gegenseitigen kulturellen Austausch vermuten lässt. Vor allem, wenn wir erzählen, dass wir keine Touristen sind, sondern mehrere Jahre bleiben wollen. Gestern Nachmittag waren Carl und Martha zur Abwechslung mal wieder im Pool und wir kamen mit François ins Gespräch. Nachdem ich unser neues „Rollenmodell“ erklärt hatte (Doreen arbeitet, ich bin für die Kinderbetreuung zuständig), sah ich die Fragezeichen in seinen Augen. Ich versicherte ihm, dass ich lange darüber nachgedacht hätte, wir uns schlussendlich aber gemeinsam für diesen Versuch entschieden hätten. Dies sei das Gegenteil von dem, was er bisher gehört hätte. Er selbst und seine Frau verließen gegen 7 Uhr das Haus und kehrten auch nicht vor 19 bzw. 21 Uhr zurück. Die Betreuung der Kinder werde üblicherweise von Hauspersonal sichergestellt. Da guckten wir nicht schlecht. Der Wille, Kindern Aufstieg durch gute Bildung zu ermöglichen, ist deutlich zu spüren und erinnert mich an Diskussionen in Deutschland und eine frühere Stellungnahme der Leopoldina zur frühkindlichen Sozialisation. Zum Abschluss hoffte ich, mit einer Frage nach François‘ Alter in Kinyarwanda (Ufite imyaka ingahe?) nicht zu direkt oder vielleicht unhöflich zu sein. Er schmunzelte und gab bereitwillig sein Alter preis. Gleichzeitig entgegnete er aber, dass man einer Frau diese Frage besser nicht stellen sollte. Wieder eine Gemeinsamkeit.

2 Antworten auf „Kinyarwanda – Integration durch Sprache

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  1. Liebe Doreen, Norman, Carl und Martha,
    Wir verfolgen eure ruandesische Abenteuer mit Spannung!
    So schön zu lesen, dass die erste Eindrücke so positiv und schön sind.
    Liebe Grüße aus Moabit an die ganze Familie!
    Hélène, Kai, Gabriel und Elias (der Carl und Martha extra umarmt!)

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