Die weibliche Mücke summt mit 550 Hertz.

In Berlin hatten wir es schon lange nicht mehr gehört: Das Summen einer Mücke in der Nacht. Was auf dem Land selbstverständlich ist, kommt in der Stadt nur noch selten vor. In Kigali sollte es anders sein. Ich gebe zu, dass das Risiko, an Malaria zu erkranken, nicht ganz unwichtig war bei der Länderauswahl. Ruanda liegt am Äquator in tropischem Gebiet. Also ideales Terrain für die Anopheles-Mücke. Am Ende siegte aber die Neugier auf das Land und seine Menschen sowie das Vertrauen in effektive Behandlungsmöglichkeiten, falls diese notwendig werden sollten. Im Hotel übernachteten zwei Holländer, die Ruanda touristisch erkundeten, was trotz Lockdown mit einem negativen PCR-Test möglich war. John erzählte mir, dass sein Bruder mit Familie in Kigali lebe und als Übersetzer arbeite. Zuvor habe er einige Jahre in Tansania gelebt, um dann nach Ruanda zu ziehen. Eine gute Wahl, wurde mir bestätigt. Ich fragte nach, ob sein Bruder schon einmal an Malaria erkrankt wäre und John erwiderte: viermal. Ich zuckte zusammen. Es klang so selbstverständlich, als ob es eine einfache Erkältung wäre. Ich hatte vor der Abreise ein paar Artikel zum Thema Malaria gelesen. Interessant waren einige Publikationen einer Forschergruppe am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin (MPI), die dem Malaria-Erreger Plasmodium falciparum auf die Schliche kommen wollten. Die Arbeit in der Leopoldina hatte mir ansatzweise den Zugang zu den Naturwissenschaften ermöglicht und das war wirklich spannend. 2017 organisierten wir eine Jahresversammlung zum Thema Genome Editing, Genschere CRISPR/ Cas und Gene-Drive. Letzteres ist ein Verfahren, mittels dessen Moskitos durch die Einführung einer Genvariante unfruchtbar gemacht werden können und so die Anzahl infizierter Mücken sinkt. Ein nicht unumstrittenes Verfahren. Da man aber nach Aussage der Forschergruppe am MPI noch nicht alle Moskitoarten der Anopheles identifiziert habe, die für die Übertragung auf den Menschen verantwortlich seien, ist wohl weitere Forschung nötig. Mein Leopoldina-Kollege Johannes könnte das jetzt noch viel besser beschreiben, aber es soll ja auch kein wissenschaftlicher Aufsatz werden. Der Aufenthalt in einem Malariagebiet zwingt einen aber unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Nacht erinnerte mich an eine vertraute Situation in Berlin. Carl und Martha gingen zusammen ins Bett, wachten aber in unterschiedlichen Räumen auf. Ich war zu Carl gegangen, als er nach mir rief. Als ich mich durch das Moskitonetz geschlängelt und versichert hatte, dass alles geschlossen war, hörte ich die Mücke über mir. Es ließ mich unweigerlich an das Gespräch mit John denken. Sie seien nachtaktiv, hatte ich gelesen. Und es war Nacht. Die Mücke gab sich viel Mühe, mich vom Schlafen abzuhalten. Ich vertraute auf das engmaschige Moskitonetz und bin dann irgendwann wieder eingeschlafen. Am nächsten Morgen wollte ich den Störer (oder besser die Störerin, denn angeblich übertragen nur weibliche Mücken Malaria) suchen. Doreen und die Kinder waren schon aufgestanden. Ich hatte das Gefühl, nur zwei Stunden geschlafen zu haben. Kigali begrüßte uns wieder sonnig, ein neuer Tag am Pool, unzählige Partien Mau-Mau lagen vor uns. Ein Vorteil war, dass Carl mittlerweile Schwimmen gelernt hatte. Martha war am Vortag kurzerhand mal ohne Schwimmflügel in den Pool gestiegen, um dann aber festzustellen, dass das Wasser tiefer war als sie groß. Ein Schreckensmoment, der nachhaltig in Erinnerung bleibt. Bevor es losgehen sollte, hatte ich aber noch eine Rechnung zu begleichen. Im Zimmer fanden wir den Störenfried auf dem Lampenschirm sitzend und in der Erwartung, uns in der kommenden Nacht erneut um den Schlaf bringen zu wollen. Carl und Martha halfen mir mit einem Glas und einem Papier. Ich hätte zu gern gewusst, ob es eine infizierte Mücke gewesen war. Carl und Martha fanden die Naturbeobachtung aber ziemlich spannend und so starteten wir anschließend in den Tag. Am Ende ist es natürlich eine Kopfsache. Ich hatte aber beschlossen, dass dieses Thema nicht alltagsbestimmend sein sollte. Es gab ja genügend Möglichkeiten, um uns zu schützen. Ich stillte meinen Kaffeedurst und Carl und Martha zogen ihre Bahnen im Wasser.

Was waren noch die Voraussetzungen für das Seepferdchen?

3 Antworten auf „Die weibliche Mücke summt mit 550 Hertz.

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  1. Die prosaische Ader des Autors kommt schon nach wenigen Episoden deutlich zum Vorschein! Man möchte meinen, den Augenblick mit Händen greifen oder ihn sich zumindest vor das geistige Auge holen zu können. Und hier geht es ersteinmal nur um Mücken… Ich freue mich auf mehr solcher Eindrücke von Land & Leuten, Kultur, Kulinarischem und von Euch mitten darin!

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  2. Gibt’s auch Dengue in Kigali? Dann könnt Ihr Euch auch tagsüber mit Moskitos (den gestreiften) befassen 😀
    Wir vermissen Euch! Keep on blogging! HKGE

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