Seit Beginn des Jahres 2024 war des Wetter nicht mehr so, wie wir es eigentlich gewohnt waren. Es regnete häufiger und heftiger. Die Sonne hatten wir nur durch einen permanenten Wolkenschleier erahnen können. Eine Dunstglocke hatte sich über das ganze Land gelegt und man wurde angehalten, sportliche Aktivitäten im Freien zu reduzieren. Nicht einmal nach einem starken Regenguss kam der sonst so übliche blaue Himmel zum Vorschein. Die schlechte Luft war überall zu spüren, und dass, obwohl es keine Industrien in Ruanda gibt. Die Menschen, insbesondere kleinere Kinder, litten häufiger an typischen Erkältungssymptomen bis hin zu hartnäckigen Krankheiten wie Bronchitis. 2024 sollte allen Prognosen zufolge ein El Niño-Jahr werden. Es gibt offenbar auch ein sog. El-Niña-Phänomen, dass aber nach Aussage der Weltorganisation für Meteorologie Anfang 2023 zu Ende ging. Anfang 2024 hatten wir nun alle Gewissheit, dass 2023 eines der wärmsten Jahre überhaupt gewesen war. Die gestiegenen Land- und Meeresoberflächentemperaturen begünstigen daher den El-Niño-Effekt, den wir und auch andere nunmehr voll zu spüren bekamen.
Wenn es einem zu warm wird, dann gibt es im Land der tausend Hügel und ohne direkten Meerzugang eigentlich nur zwei sinnvolle Orte, um sich abzukühlen. Entweder man besteigt einen Vulkan, was wir zuletzt abwechselnd (Bisoke und Sabyinyo) gemacht haben oder man fährt in die grüne Lunge des Landes in den Nyungwe-Regenwald. Als einer der ältesten Regenwälder überhaupt wurde er kürzlich erst in die UNESCO-Weltnaturerbeliste aufgenommen. Dieses weltbekannte Label dient nicht nur dazu, gefährdete Stätten dauerhaft unter Schutz zu stellen. Es ist auch durchaus als eine Werbebotschaft, für eine Reise nach Ruanda zu verstehen. Dies entspricht voll und ganz der regierungsnahen Werbekampagne „Visit Rwanda“, die mittlerweile auch auf Trikots des Fußballvereins Bayern München zu sehen ist. Dass dieses Werben durchaus erfolgversprechend ist, verdeutlichte uns ein kürzlicher Besuch im Headquarter des Volano-Nationalparks. Von 100 täglichen Gorilla-Permits, also die Berechtigung zum Gorilla-Trekking, waren 97 verkauft. Unser Guide bei der Vulkanbesteigung sagte nur, dass er es verstehen würde, wenn einem das zu viel Trubel wäre. Es gebe daneben auch die Möglichkeit zu individuellen Touren, für die aber „etwas“ mehr bezahlt werden müsste. Diese Preisvorstellung fällt allerdings eher in die Kategorie Kleinwagen… Aber offenbar hat diese Strategie Erfolg, was sich nicht zuletzt an steigenden Touristenzahlen ablesen lässt. In Bezug auf das Logo „Visit Rwanda“ war kürzlich zu lesen, dass der burundische Basketball-Club Dynamo vom diesjährigen BAL-Tournament (Basketball Africa League) ausgeschlossen wurde, weil er sich weigerte, das Logo auf dem Trikot zu tragen. Ob das im Zusammenhang mit der jüngsten Schließung der ruandisch-burundischen Grenze steht, kann dahingestellt bleiben. Schade ist nur, dass die neuerliche Grenzschließung von Seiten Burundis konkrete Auswirkungen auf unsere Reisepläne hatte. Von unserem Wunsch, den Tanganjikasee in Bujumbura zu besuchen, sind wir leider momentan weit entfernt. Und darüber hinaus hat die Schließung der Grenze konkrete Auswirkungen auf den Güterverkehr. Während der Grenzverkehr nach Burundi bis Ende letzten Jahres noch größtenteils über Bugesera ablief, quälen sich die LKWs nunmehr den mühsamen Anstieg im Nyungwe auf 2500m hinauf, um via Bukavu (Demokratische Republik Kongo) nach Burundi einzureisen. Nicht selten finden sich am Straßenrand verunglückte LKWs, deren Bremsen versagt haben.
Der Nyungwe-Regenwald liegt im südlichen Teil Ruandas mit direkter Grenze zu Burundi. Von Kigali aus führt die ca. 200 km lange Strecke über Muhanga, Nyanza und Huye in gut sechs Stunden in das Herz des Regenwalds nach Uwinka, was nicht zuletzt am dichten Verkehr auf den einspurigen Fahrbahnen liegt. Es gibt Pläne, diese Hauptachse weiter auszubauen. Investitionen in die Infrastruktur haben hier nun einmal oberste Priorität. Bereits am Parkeingang beeindruckt dieser majestätische Wald seine BesucherInnen. Seit Kurzem hat die NGO African Parks die Verwaltung des Nationalparks übernommen, die mittlerweile 22 Parks in ganz Afrika im Wege eines Public Private Partnership-Modells managt, was nicht zuletzt zu einem deutlichen Anstieg der Eintrittsgelder geführt hat. Trotz bester Ausschilderung ist es nicht erlaubt, diese Trails allein zu erkunden. Guide ist Pflicht und dient letztlich der Tourismusindustrie.
Wir hatten uns auf ein verlängertes Zeltwochenende vorbereitet und wollten einen Trail zu den Wasserfällen erwandern. Im Gegensatz zum Volcano-Nationalpark sind die Touristenströme hier überschaubarer. Nicht jedoch an diesem Wochenende. Genau zur gleichen Zeit sollte der Nyungwe-Marathon stattfinden. Gefühlt halb Kigali hat sich auf den Weg in den Süden gemacht. Wir waren uns nicht sicher, ob man überhaupt andere touristische Aktivitäten machen konnte, denn die 56 km lange Durchquerung des Regenwaldes von Ost nach West sollte nachvollziehbarerweise für den Autoverkehr gesperrt werden. Der Versuch, weitere Informationen über die Planung zu erfahren, gipfelte in die unmissverständliche Aussage: „Nothing stops tourism!“. Insofern waren wir beruhigt und gespannt, wie das ablaufen würde. Als wir in Uwinka ankamen und unser Nachtlager aufschlagen wollten, mussten wir dann aber doch erfahren, dass die Straße komplett gesperrt würde und somit eine Weiterfahrt zum Ausgangsort der Wanderung an der Westseite des Parks nicht möglich wäre. Auch das ist ein typisches Beispiel ruandischer Kommunikation. Kurzerhand entschlossen wir uns, den zweiten Zeltplatz anzusteuern, um nicht den halben Tag Sporttreibende anfeuern zu müssen. Wir wollten ja selbst aktiv werden. Das Zeltlager in Gisakura befindet sich mitten im Wald. Die überdachten Holzplateaus, auf denen man sein Zelt aufstellen kann, sollten uns in der bevorstehenden Nacht von großem Nutzen sein. Es regnete sinnflutartig und ich bin mir nicht sicher, ob die Wassersäule unserer Zelte diesem Regenguss Stand gehalten hätte. Mangels entsprechender Werkzeuge wären etwaige Versuche, Entwässerungsgräben um die Zelte zu graben, kläglich gescheitert. Insofern waren wir im Trockenen. Ich habe mir vorher keine Gedanken gemacht, welche Geräusche uns nachts im Regenwald erwarten würden. Als der Regen dann doch irgendwann endete, vernahm ich ein Knacken im Unterholz. Das hörte sich nicht wie herabfallendes Geäst an. Mit einem gewissen Schutzinstinkt ausgestattet wollte ich dem auf den Grund gehen. Durch Pfiffe und Rufe wollte ich mich bemerkbar machen, wusste aber auch nicht wirklich, was ich damit erreichen wollte. Wenig später tauchte ein mit Regenmantel und Taschenlampe ausgestatteter Sicherheitsmann im Unterholz auf. Zu meiner Verwunderung erklärte er mir, dass er nachts zu unserer Sicherheit hier seine Runden drehen würde. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich wahrscheinlich noch besser geschlafen.
Für die Selbstverpflegung war gesorgt und so starteten wir am nächsten Morgen im Trubel der anreisenden SportlerInnen unseren Ausflug zum Wasserfall. Unser Guide Olivier erklärte uns, dass wir zum „One and Only Nyungwe-Hotel“ fahren müssten, da hier der Startpunkt in mitten von riesigen Teefeldern lag. Der Name des Hotels ist wirklich Programm, was sich nicht zuletzt am eigenen Helikopterlandeplatz erkennen lässt, der offenbar auch rege genutzt wird. Auf dem Weg zum Einstieg passierten wir auch eine „One and Only-Schaukel“, deren Benutzung auf Nachfrage von Carl und Martha nur „One and Only-Gästen“ vorbehalten war, die wir nun einmal nicht waren. 400 Höhenmeter Auf- und Abstieg verteilt auf 6 km Länge sollten ohne Probleme zu bewältigen sein. Olivier erklärte uns geschult Flora und Fauna. Die für diese Region typischen Mountain Monkeys mit ihren weißen Halskrausen kreuzten unseren Weg. Normalerweise finden sie ihr Futter in ausreichender Menge in diesem dichten Wald. Das Vorrücken der Zivilisation hat aber auch ihre Futterquellen erweitert, was regelmäßig dazu führt, dass sie die Zuckerdosen in den Kaffees auskippen un dann die süße Kost auflecken. Unser Guide ist Teil einer sog. Community Guide-Kooperative, welche die Touristen durch den Wald führen. Diese Berufe sind rar und begehrt, erfordern aber ein straffes Ausbildungsprogramm in Geschichte, Biologie etc. Nicht zuletzt sind sie eine der wenigen Alternativen zur sonst üblichen Beschäftigung in der Landwirtschaft in den ländlichen Gegenden. Begegnungen wie diese mit Olivier führen nicht selten auch zum Austausch über die Vergangenheit, insbesondere zum Genozid. In diesem Jahr jährt sich zum 30. Mal der Völkermord an den Tutsi, dem 1994 in 100 Tagen mehr als 800.000 Menschen zum Opfer fielen. Ein unvergessenes Scheitern der internationalen Gemeinschaft. Olivier ist ein junger Mann, der erst nach dem Genozid geboren wurde. Doch er erzählte uns von den Berichten seiner Eltern, wie diese sich tagsüber im dichten Regenwald vor den mordenden Banden versteckten und nachts im Schutz der Dunkelheit in den Dörfern nach dem Allernötigsten zum Überleben suchten. Dass wir heute auf diesen Pfaden durch den Regenwald wandern dürfen, ist nicht selbstverständlich. Ohne Zweifel leben wir in einer angespannten geopolitischen Region, die so unglaublich reich und vielfältig ist, wie kaum eine Zweite auf dieser Erde. Hier sind alle gefordert, dies zu bewahren.
Die Wanderung sollte uns zu einem imposanten Wasserfall führen, der vor allem in der Regenzeit mit großen Wassermassen gespeist wird, die sich dann über kleinere Flüsse ihren Weg in Richtung Lake Kivu durch den Regenwald bahnen. Während hier das Wasser nur so im Überfluss vorhanden ist, gibt es andere Gegenden in Ruanda, die von einer extremen Wasserarmut geplagt sind. Diese Gegensätzlichkeit in diesem kleinen Teil der Erde ist jedes Mal auf Neue verblüffend. Wir wurden von einer beeindruckenden Kaskade empfangen, bei der das Auftreffen des Wassers die Umgebung mit feinsten Wassertröpfchen benetzte. Insofern war auch der Untergrund ziemlich rutschig, was gerade in Begleitung von hungrigen Kindern zu erhöhter elterliche Sorge führt. Es ging aber alles gut, auch wenn das eine oder andere metallene Geländer nicht die Abnahme eines TÜVs bestanden hätte. Ängste zu überwinden ist doch einfacher, wenn man sich ihnen stellt. Der Weg zurück war dagegen ein „Kinderspiel“, welches selbst Olivier die eine oder andere Schweißperle auf die Stirn treiben sollte. Zurück am Ausgangspunkt frohlockte erneut die „One and Only-Schaukel“, aber auch diesmal mussten wir stark sein. Am Westeingang zum Regenwald waren schon zahlreiche LäuferInnen angekommen. Auch Pascal, ein Freund aus Kigali, hatte die Ultra-Laufdistanz von 56 km und 1100 Höhenmeter in 6 Stunden gemeistert, was uns allerhöchsten Respekt abnötigte. Der einsetzende Regen sorgte jedoch dafür, dass sich das große Feld bald lichtete und so setzten wir unsere Fahrt zur Parkmitte nach Uwinka fort. Unterwegs begegneten wir noch den einen oder anderen Nachzügler, die stoisch dem Regen trotzten. Als wir ankamen, hatte es schon wieder aufgehört und wir machten uns an die Arbeit, das Nachtlager aufzubauen. Gleiches Prinzip auf dem Holzplateau nur mit einer spektakulären Aussicht auf den Lake Kivu auf 2500m Höhe. Es sollte eine trockene und sternenklare Nacht werden, die wir bei einem Glas Rotwein ausklingen ließen. Carl und Martha waren bei ihrem Hörspiel eingeschlafen, die patrouillierenden Ranger hatten uns vorgewarnt und das Feuer sorgte für wohlige Wärme bei doch recht kühlen Temperaturen. Die Aussicht auf die lange Rückfahrt am nächsten Morgen war der einzig fade Beigeschmack. Selbst für ein verlängertes Wochenende ist die Strecke fast zu weit. Beim morgendlichen Kaffee reifte dann die Erkenntnis, dass wir beim nächsten Mal auf jeden Fall länger bleiben wollen. Die Magie des Regenwaldes hat uns tatsächlich in seinen Bann gezogen.




















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