Wenn uns das vor 2,5 Jahren jemand gesagt hätte, wäre Ruanda dann auch auf Platz 1 unserer Liste gewesen? Wahrscheinlich schon, aber wer konnte denn solch eine medienwirksame Aufmerksamkeit des kleinen ruandischen Staates vorhersagen.
Im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung galt Ruanda schon vor unserer Ankunft als ein Musterbeispiel auf dem afrikanischen Kontinent. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass dieses kleine „Land der tausend Hügel“ nicht größer ist als das Bundesland Rheinland-Pfalz, mit dem es seit 40 Jahren enge freundschaftliche Beziehungen pflegt. Wenn man im Land unterwegs ist, fallen gelegentlich Schilder mit rheinland-pfälzischen Kooperationsgemeinden auf. Das kannten wir bis dato nur aus Besuchen in Frankreich oder Italien. Es wäre auch eigentlich nicht der Rede wert, doch diese ruandisch-rheinland-pfälzische Freundschaft wird hier auf höchster Staatsebene gewürdigt, die in der Regel nur hohen Staats- und Regierungsvertretern zu Teil wird. Umso interessanter ist dieser Befund vor dem Hintergrund, als dass nach Art. 32 Abs. 1 GG die Pflege der Beziehungen zu auswärtigen Staaten eigentlich Sache des Bundes ist.
Diese als sog. „Graswurzelpartnerschaft“ gerühmte Kooperation setzt sich nunmehr auf deutlich größerer Ebene im Bereich der Impfstoffproduktion fort. Der im letzten Jahr erfolgte Spatenstich für die Produktionsanlage von BioNTech ist vielleicht in der Berichterstattung etwas untergegangen. Umso mehr Aufmerksamkeit bekam die offizielle Eröffnung am 18.12.2023, zu der neben der deutschen Außenministerin auch die Kommissionspräsidentin der EU sowie die Staatspräsidenten von Ghana, Senegal, Barbados u.a. angereist waren. Es mag Zufall sein, dass sich gerade mit BioNTech ein rheinland-pfälzisches Unternehmen hier engagiert. Vor der Corona-Krise war BioNTech nur den Fachleuten ein Begriff. Vielleicht hätte BioNTechs Adresse „An der Goldgrube“ in Mainz schon damals ein Hinweis auf die Revolution bei der Entwicklung von Impfstoffen sein können. Heute ermöglichen gerade die Einnahmen mit der mRNA-Technologie diese wegweisende Investition in Ruanda, die nicht weniger als ein entscheidender Beitrag zur globalen Gesundheitsgerechtigkeit gesehen wird.

der Außenministerin in Kigali
Auf politischer Ebene ist das Thema der Asylzusammenarbeit mit Ruanda ganz oben auf der Tagesordnung angekommen. Nachdem der englische Supreme Court das britisch-ruandische Asylabkommen für rechtswidrig befunden hatte, schloss die britische Regierung kurzerhand ein neues Abkommen mit Ruanda, in welchem sie die Bedenken der Richter dadurch entkräftete, indem sie u.a. Ruanda als sicheren Drittstaat erklärte. Auf ihrem Weg nach Kigali zur Eröffnung der BioNTech-Anlage bekam die deutsche Außenministerin von der christlich-demokratischen Opposition kurzerhand die Forderung mitgegeben, einen vergleichbaren Asylkompromiss mit der ruandischen Regierung zu suchen. Die große Zahl der Geflüchteten ist ohne Zweifel eine der Herausforderungen unserer Zeit. Es gibt wenige Lieder, die diese Tragödie besser in Worte fassen als der Song Lampedusa von Malky (https://www.youtube.com/watch?v=9ExlDP_3DPU). Wir hatten einmal bei radioeins Karten für ein Konzert im Roten Salon in der Volksbühne in Berlin gewonnen. Alle warteten nur auf dieses Lied. Eine Textzeile mag vielleicht etwas unscheinbar sein, enthält aber eine Beobachtung, die wir teilen, seitdem wir auf dem afrikanischen Kontinent leben: „People overestimate how far we are apart, They always do.“ („Die Menschen überschätzen, wie weit wir voneinander entfernt sind. Das tun sie immer.“)
„Ihr seid doch so reich!“, höre ich regelmäßig. Der Versuch einer Erklärung der aktuellen Debatten in Deutschland und Europa, wenn beispielsweise die Rede von überforderten Sozialsystemen ist, trifft hier auf wenig Verständnis. Das führt mir wieder vor Augen, dass wir überhaupt ein solches System haben. Des Öfteren ertappe ich mich selbst und frage mich, wen oder was ich eigentlich verteidigen will. Warum ist die Wahrnehmung teilweise so unterschiedlich? Was treibt Menschen an, sich extremen Positionen anzuschließen? Mir ist dabei ein Buch vom Nobelpreisträger Amartya Sen in die Hände gefallen, das noch immer in einer der Umzugskisten lag : „Die Identitätsfalle – Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“. Es ist quasi seine Antwort auf das berühmte Werk von Samuel Huntingtons „The Clash of Civilizations“. In seinem Vorwort legt er den nachfolgenden Ausführungen folgende These zu Grunde: „(…) Viele der Konflikte und Grausamkeiten in der Welt beruhen (…) auf der Illusion einer einzigartigen Identität, zu der es keine Alternative gibt. Die Kunst, Haß (sic!) zu erzeugen, nimmt die Form an, die Zauberkraft einer vermeintlich überlegenen Identität zu beschwören, die andere Zugehörigkeiten überdeckt, und in einer entsprechend kriegerischen Form kann sie auch jedes menschliche Mitgefühl, jede natürliche Freundlichkeit, die wir normalerweise besitzen mögen, übertrumpfen. (…)“.
Die jüngere Geschichte Ruandas bestätigt diese These auf schmerzliche Weise. Im kommenden Jahr wird dem 30. Jahrestag „des Genozids an den Tutsi“ gedacht, dem Hunderttausende zum Opfer fielen. Die Gedenkstätten des Völkermords in Nyamata, Murambi, Gisozi und Bisesero wurden erst in diesem Jahr zum UNESCO-Welterbe ernannt und verpflichten zu einer fortwährenden Auseinandersetzung.
Wir haben uns im Oktober im Centre Culturel francophone (dem französischen Pendant zum Goethe Institut) ein Theaterstück mit dem Titel „inherited sorrow“ angeschaut. Die Inszenierung von dem jungen ruandischen Künstler Jean-Jules Irakoze handelt von der Generation, die nach dem „Genozid an den Tutsi“ geboren ist und wie sie von der Vergangenheit und den Erlebnissen ihrer Eltern beeinflusst wird. Die jungen Erwachsenen suchen nach Antworten, die selten gegeben werden. Es ist wirklich tief berührend, mit ihnen zu sprechen und zu erfahren, wie sie an der Verarbeitung des Vergangenen mitwirken. Wer einmal im Genocide Memorial in Kigali war, kann nur erahnen wie schwer eine Bewältigung des Erlebten und das Weitermachen sein mag.
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