Neulich fragten wir Martha, was sie eigentlich einmal werden wolle. Ohne zu zögern sagte sie: « Meerjungfrau oder Südseeprinzessin ». Ich schüttelte verzweifelt den Kopf und fragte mich kurzerhand, ob es nicht besser gewesen wäre, die Kinder auf eine Schule in Deutschland gehen zu lassen. Da weiß ich wenigstens, was sie lernen und dass sie auch Hausaufgaben bekommen. Waren das die Ergebnisse der Montessori-Pädagogik? Wohin soll das führen, was mache ich falsch? Im Radio lief gerade ein Beitrag über die Leseschwäche von Schülerinnen und Schülern am Ende der vierten Klasse in Deutschland. Das sei die entscheidende Weichenstellung. Ist eine Rückkehr in ein deutsches Schulsystem überhaupt noch möglich, fragte ich mich.
Offen gestanden befallen uns diese Gedanken nach dem richtigen Schulsystem in regelmäßigen Abständen. Als wir uns für Ruanda beworben hatten, war uns bewusst, dass es keine deutsche Schule gab. Das haben wir auch in Kauf genommen und bis heute nicht bereut. Wir hatten uns für die Montessori-Schule und gegen die klassische Schulform an der Belgischen Schule entschieden, weil sich Carl und Martha beim ersten unverbindlichen Besuch sofort wie zu Hause fühlten. Die Kita Casa Azul hatte offensichtlich gute Vorarbeit geleistet. Auch war es uns wichtig, dass sie in kleineren Lerngruppen behutsam an die neue Umgebung gewöhnt werden und Zeit bleibt, Englisch als Hauptsprache quasi von Null zu lernen. Für Doreen und mich ist es mittlerweile Alltag, drei Sprachen abwechseln zu verwenden und sogar gelegentlich zu vermischen. Für Martha und Carl war es das zu Beginn überhaupt nicht. Es ist beeindruckend, wie beide heute dieses Sprachenwirrwarr meistern. Und dennoch sind da diese Fragen, ob die Kinder genug lernen. Aber was heißt eigentlich genug? Lesen, Schreiben, Rechnen ….? Wo stehen sie im Vergleich zu ihren gleichaltrigen Freunden in Deutschland? Würden sie problemlos in zwei Jahren auf eine deutsche Schule wechseln können? Wenn ich Carl heute frage, auf welche Schule er später gehen wollen würde, sagt er mittlerweile, dass es eine englischsprachige Schule sein soll. Das macht mich nur im ersten Moment traurig, da ich doch so gern gesehen hätte, wenn sie unsere frankophone Leidenschaft teilten. Im zweiten Moment bin ich wahnsinnig stolz.
An meine eigene Grundschulzeit habe ich nur wenige Erinnerungen. Das Lernen der Uhrzeit war ziemlich einprägsam. Vor allem deshalb, weil beide Tests einmal mit einer fünf und einmal mit einer vier endeten. Und trotzdem kann ich heute die Uhrzeit. Carl fragte mich, was denn eigentlich Noten seien. Ich erklärte ihm, dass es ein System sei, mit dem man den Wissensstand eines Schülers bewerten kann. Was für eine akademische Erklärung, dachte ich. Einfacher ausgedrückt, ob du ein guter oder ein weniger guter Schüler bist. Wozu braucht es eigentlich diese Bewertungen? Das habe ich mich nie gefragt, das ist halt so. Sie geben den Eltern einen Anhaltspunkt, wo ihr Kind im Lernprozess steht. Wer bestimmt eigentlich, was wann gelernt werden soll/muss? Im Radiobeitrag kam eine ähnliche Frage in der Diskussionsrunde auf und ich hörte gespannt zu. Die Lehrpläne seien viel zu alt und Anpassungen dringend notwendig. Ein ziemlich anschauliches Beispiel war das folgende: Kinder lernten heute immer noch den Umgang mit dem Zirkel, obwohl es in den technischen Berufen kaum noch gefordert würde. Dies machten mittlerweile digitale Anwendungen. Der kompetente Umgang mit diesen fehle aber mehr und mehr. Und damit sei nicht das Ein- und Ausschalten von Netflix auf dem Tablet gemeint. Grundsätzlich halte ich zwar den richtigen Umgang mit einem Zirkel nicht für verschwendete Zeit (man erinnere sich an die schönen Zirkel-Blumen-Bilder). Aber in Sachen digitale Kompetenz stimme ich der Kritik zu. Viel zu wenig habe man bisher die durch die Corona-Krise bedingte digitale Ausstattung der Schulen auch zur Anpassung der Lehrpläne genutzt. Zwar kann ich nicht allgemein über die Schullandschaft sprechen, aber meine jüngste Mitarbeit im Rahmen einer Studie über offene Verwaltungsdaten und ihre Nutzbarmachung für Dienstleistungen der Verwaltung ließen mich ratlos zurück. In diesen Punkten ist uns Ruanda um Längen voraus. Gelegentlich stelle ich mir die Frage, ob die deutsche Entwicklungszusammenarbeit im Ausland, verkörpert durch die GIZ, in Sachen Digitalisierung nicht auch einmal den Innenministerien des Bundes und der Länder ihre Hilfe anbieten sollte. Die Nutzung der AusweisApp (auf solch einen umständlichen Namen muss man erst einmal kommen) für digitale Verwaltungsdienste bleibt mir bis heute in traumatischer Erinnerung. Als ich nach 20 Uhr meine Sozialdaten online bei der Deutschen Rentenversicherung abrufen wollte, bekam ich den Hinweis, dass der Dienst außerhalb der Öffnungszeiten nicht zur Verfügung stehe.???

In Sachen digitale Kompetenz hatten wir in diesem Jahr auch ein Gespräch mit unserer Schule. Wir fragten uns, warum dies nicht Teil des offenen Montessori-Lernkonzepts sei, von dem wir grundsätzlich überzeugt sind. Jeden Montag bekommen wir eine Mail mit den Lerninhalten der Woche für Carl und Martha zugeschickt. Sie bestimmen selbst, wann sie was machen. Einzige Maßgabe ist, dass am Ende der Woche alles erledigt sein muss. Die Nutzung digitaler Geräte sei nicht Gegenstand der Montessori-Pädagogik, war die wenig überzeugende Antwort der Schulleitung. Helga, unsere britische Freundin, die ebenfalls zwei Kinder in der Earth School hat, wandte zu Recht ein, dass doch auch ein Montessori-Konzept gesellschaftlichen Wandlungen unterliege. Ich musste zugeben, dass ich mich bisher nur oberflächlich mit den Inhalten dieser Pädagogik beschäftigt hatte. Es klang halt alles plausibel. Lehrpläne einer « normalen »Schule hatte ich bis dato auch nicht gelesen. Irgendwie glaubt man ja zu wissen, was die Kinder können sollen müssen. Ehrlicherweise habe ich aber erst jetzt verstanden, dass es beim Montessori-Bildungsansatz gar nicht um das « Was », sondern vielmehr um das « Wie » der Stoffvermittlung geht. Und da hat jedenfalls das Tablet in unserer Schule noch keinen Platz.
Wie es der Zufall wollte, lud die Schule kürzlich zu einem Elternabend ein, bei dem Jonathan, ein amerikanischer Montessori-Berater, den Eltern etwas über die Pädagogik erzählen sollte und wie die Eltern ihre Kinder auf diesem Weg richtig unterstützen können. Endlich, dachte ich mir. Das ist es eigentlich, was mir fehlte. Wir wissen eigentlich gar nicht, wie die Kinder lernen. Zu Hause fallen wir dann eher in die bekannten Muster zurück. Warum auch nicht. Schließlich haben wir es ja so gelernt. Jonathan fing seinen Vortrag mit folgendem Satz an: Bill Gates, Jeff Bezos und Steve Jobs waren alles Montessori-Schüler. Mein erster Reflex war lautstark: « Oh no! » Wird das jetzt ein Seminar darüber, wie wir unsere Kinder am besten auf dem Weg zum Multimilliardär unterstützen können? Als er dann aber fragte, wie viele von den anwesenden Eltern selbst eine Montessori-Schule o.Ä. besucht hätten, meldete sich ein einziges Elternteil. Das war bezeichnend. Wir saßen irgendwie alle im selben Boot. Alle haben sich für eine Montessori-Schule entschieden, aber die wenigsten wussten eigentlich, wie man die Kinder am besten als Elternteil auf diesem Weg begleitet.
Es war ein Abend, an dem wir nicht nur etwas über unsere Kinder gelernt haben, sondern viel mehr über uns selbst. Montessori ist keine Wunderpädagogik. Es ist ein Bildungsansatz, der neben der individuellen Vermittlung von fachlichen Kenntnissen mittels unterschiedlichster Methoden vor allem den Anspruch hat, das freie Denken des Kindes zu fördern. Viel zu oft lässt man dem Kind im stressigen Alltag keinen hinreichenden Raum dazu. Das Funktionieren ist wichtiger als das Entdecken/Ausprobieren. Dieser Trugschluss ist umso gravierender, als dass sich die Kinder gerade jetzt in einer der wichtigsten Lernphasen ihres Lebens befinden. Zu keiner Zeit ist das Potential, Neues zu Lernen, größer als jetzt. Doreen wusste natürlich, dass « Südseeprinzessin » von Pipi Langstrumpf stammt. Martha hört seit Tagen nichts anderes mehr. Das war mir nicht entgangen, doch habe ich noch nie wirklich richtig zugehört. Diese kindliche Fantasie ist doch ein wundervolles Geschenk und Martha ist mir da meilenweit voraus.
In Sachen digitale Kompetenz haben wir übrigens eine wunderbare Lösung gefunden. Carl hat letzte Woche seinen ersten Deutschunterricht online begonnen. Nicht nur, dass Frau Hauser die bessere Lehrerin ist, er lernt auch gleichzeitig den Umgang mit dem Computer. Helga hat sich mittlerweile für einen Schulwechsel entschieden. Das lag aber weniger am mangelnden Digitalangebot als vielmehr an den kleinen Klassengrößen. Das ist aber gerade der Grund für unsere Schulwahl gewesen.
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