Wenn man in freier Natur einen Meter weit entfernt vom Silberrücken Igisha steht, der das Oberhaupt einer 34-köpfigen Gorillafamilie im Volcano National Park an der Grenze zu Uganda und Kongo ist, dann weiß man diese Wunder der Natur zu schätzen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das eigentlich nicht enden soll. Doch bereits nach einer Stunde ermahnt der freundliche Guide, dass es Zeit ist, zu gehen. Dabei waren wir doch gerade erst gekommen.
Seitdem wir in Ruanda sind, wollten wir natürlich unbedingt auch das touristische Highlight selbst erleben. Gorilla-Tracking. Unsere letzte Begegnung mit einem Gorilla war im Berliner Zoo im Mai 2020 während des Beginns der Covid-Pandemie. Da wussten wir noch nicht, dass wir fast drei Jahre später diese wundersamen Tiere so hautnah erleben sollten. Einziger Wermutstropfen ist, dass Carl und Martha leider nicht mitkommen konnten. Das Mindestalter beträgt 14 Jahre und hat auch seine guten Gründe. Daher mussten wir auch zuvor eine Betreuung organisieren, um uns voll und ganz auf das Abenteuer einlassen zu können.
Wie es der Zufall wollte, hatten sich Anne und Louan für einen zweiwöchigen Besuch Ende Februar angemeldet. Nicht nur eine willkommene Gelegenheit, alte Kitafreunde aus Berlin wiederzusehen, die mittlerweile in Paris leben, sondern auch für uns die Chance zum Gorilla-Tracking. Anne war sofort einverstanden, so dass wir uns an die Organisation machten. Es ist durchaus möglich, frühmorgens von Kigali aus zu starten, denn alle Touren beginnen gegen 8:00 Uhr am Headquarter in Kinigi. Da Anne und Louan aber auch etwas vom Land sehen sollten, haben wir dies spontan mit einem erweiterten Kurzurlaub in Musanze und zelten auf der Batutsi-Island im Lake Burera verbunden.
Doreen und ich hatten uns einen Zeitslot am 24. Februar gebucht. Zuvor musste noch ein negativer PCR-Test vorgelegt werden. Eine Prozedur, die irgendwie schon wieder ein wenig in Vergessenheit geraten ist. In Kigali hatte ich auch meine Mühe, die einzig verbleibende Station für PCR-Tests zu finden. Da Gorillas 98 Prozent unserer DNA teilen und somit auch Krankheiten von uns übertragen werden können, ist es nur nachvollziehbar, dass man die sich erholende Population schützen will. Einst unablässig verfolgt, gejagt und vom Aussterben bedroht, sind sie heute wieder auf über 1000 angewachsen. Das ist maßgeblich der Pionierarbeit von Dian Fossey zu verdanken, die den Grundstein für die Arbeit mit den Berggorillas und die Forschung über sie gelegt hat. Diese Arbeit wird heute fortgesetzt vom International Gorilla Conservation Programme. The Ellen DeGeneres Campus of the Dian Fossey Gorilla Fund gedenkt heute der Arbeit Fosseys auf einem fantastischen Gelände, wo insbesondere Kindern auf sehr anschauliche Weise diese wunderbaren Tiere und deren Schutzbedürftigkeit nahe gebracht werden. Was heute vielleicht selbstverständlich ist, war es früher nicht. Bis heute bleibt der gewaltsame Tod von Dian Fossey in ihrer Forschungshütte in den Bergen ungeklärt. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich neben den von ihr geliebten Gorillas.
Um 7:00 Uhr sollten wir uns am Headquarter einfinden, da dort nach einer hervorragend organisierten Einlasskontrolle die Gruppen mit maximal 8 Personen entsprechend ihrer jeweiligen Fitness eingeteilt wurden. Um diese Uhrzeit sind die Tracker schon längst unterwegs, denn sie reichen den Guides die Informationen über die Lokalisierung der entsprechenden Gorillafamilien weiter, um sodann die Personen aufzuteilen. Unser Guide Francis wartete mit einer Hiobsbotschaft auf. Wir würden die Igisha-Familie besuchen, welche mit 34 Tieren die derzeit größte Gruppe im Park. Dafür müssten wir aber ca. 1,5 Stunden Richtung Rubavu an die kongolesische Grenze fahren, um anschließend nochmal 2 Stunden bergauf zu wandern. Meine letzte Wanderung auf den Vulkan Bisoke war mir noch gut in Erinnerung. 2 km bergauf und 1000 Höhenmeter. Ich hoffte, dass es diesmal nicht ganz so schlimm werden würde. Francis war überzeugt, dass wir das alle schaffen würden. Nicht ohne Grund hätte er uns zusammen mit 6 Schweizer Touristen in eine Gruppe gepackt, denn wir wären ja alle gute Wanderer. Während der Wanderung erzählte uns dann ein junger Schweizer, dass er bereits einen Tag zuvor mit seiner Familie ein Gorilla-Tracking gemacht hatte. Da hätten sie aber bereits nach 30 Minuten die Familie erreicht, so dass sie gern nochmal eine längere Wanderung machen wollten. Für die Anziehungskraft der Gorillas hatten wir natürlich absolutes Verständnis. Dass manche dafür aber 12.000 $ (4 Personen à 1.500 $/Tracking für internationale Touristen) zahlten, verschlug uns die Sprache. Wir dachten uns schlussendlich, dass es immerhin den Gorillas zugutekommen würde. Also machten wir uns auf den Weg Richtung Rubavu. Unterwegs erwähnte ich nebenbei zu Doreen, dass doch eine Etappe der Tour du Rwanda irgendwann auch im Norden Station machen würde. Ein kurzer Blick auf den Tourplan gab uns Gewissheit, dass es ebenfalls an diesem Tag sein würde. Ehe wir uns dessen bewusst wurden, hielt uns auch schon die Streckenpolizei an und wies freundlich darauf hin, dass eine Weiterfahrt nicht möglich sei, denn die Rennradprofis seien auf dem Weg von Rubavu nach Musanze. Diese Verzögerung war von unserem Guide nicht eingeplant gewesen. Nach 15-minütiger Wartezeit kam dann plötzlich doch das Signal zur Weiterfahrt. Sowohl Radsport- als auch Gorillatourismus sind wichtige Wirtschaftsfaktoren, die nicht gegeneinander sondern Hand in Hand arbeiten, dachte ich mir nur.
Wir erreichten unseren Ausgangspunkt nach abenteuerlicher Fahrt über unwegsames Gelände. Die Allradfunktion mit langsamer Untersetzung hätten wir nicht missen wollen, wobei die Bodenfreiheit diesmal viel wichtiger war. Francis zögerte nicht lange und mahnte zur Eile. Wir durchquerten ein paar landwirtschaftlich genutzte Flächen, um den Eingang des Nationalparks zu erreichen. Nichts deutete auch nur annähenderweise darauf hin, dass es sich hier um ein touristisches Gebiet handelte. Der schmale Pfad führte ins Nichts. Ein Dickicht aus tropischen Pflanzen, die regelmäßig den Weg zuwuchern, der sodann wieder mit der Machete frei geschlagen wird. Wir hatten Glück, denn es regnete nicht. Im Regen ist der Aufstieg doppelt anstrengend und man versinkt förmlich im Schlamm. Doreen wies auf die Stille hin, die man in Kigali allenfalls an Umuganda, dem monatlich wiederkehrenden kollektiven Arbeitseinsatz, spüren kann. Kigali entwickelt sich zunehmend zu einer typischen Großstadt mit allen Facetten. Wie würde es sein, wenn wir auf die Gorillas treffen? In jeder Gorillafamilie gibt es einen dominanten Silberrücken als Anführer, dem alle Mitglieder folgen. Er duldet keinen rivalisierenden Silberrücken innerhalb der Gemeinschaft. Wenn er stirbt, wird der Nächstältere das Oberhaupt. Wie wird es sein, wenn plötzlich acht neugierige Gesichter sich den Gorillas nähern? Francis erklärte uns die Verhaltensregeln, die unbedingt zu berücksichtigen seien. Leise sein, nicht essen, nicht trinken, nicht husten, die Gorillas nicht anfassen, wobei es sein könnte, dass die jungen Babys uns aus lauter Neugier anfassen, nicht panisch werden, wenn der Gorilla auf uns zukommen sollte. Wir hatten keine Ahnung, ob wir panisch reagieren würden, hatten wir doch eine solche Situation noch nie erlebt. Francis versicherte uns, dass Berggorillas absolut friedliebende Lebewesen seien. Er hätte in 25 Jahren noch nie erlebt, dass ein Gorilla einen Touristen angegriffen hätte. Als Zeichen unserer friedlichen Absicht sollten wir aber in der Nähe eines Gorillas regelmäßig einen Laut von uns geben, den man nicht beschreiben kann. Er geht ungefähr so:
Nach gut zwei Stunden Aufstieg war es endlich so weit. Wir waren da, sahen aber noch keinen Gorilla. Francis erklärte, dass sie gerade Mittagsruhe halten würden. Frühmorgens verlassen sie ihr Nachtlager um sich vegetarisch zu ernähren. Das notwendige Wasser wird über die Pflanzen aufgenommen, so dass es keiner Wasserstelle bedarf. Nach der Mittagsruhe gibt der Silberrücken das Signal zur Nachtlagersuche. Aus hygienischen Gründen schlafen sie niemals zwei Nächte hintereinander im selben Nest. Es musss ja einen Grund haben, warum wir „nur“ 98 % der DNA teilen. Wir ließen unsere Rucksäcke zurück und setzten die Maske auf. Vor lauter Spannung beschlug ständig meine Brille, so dass ich befürchtete, den richtigen Moment zu verpassen, um auf den Auslöser zu drücken. Und dann standen wir neben unserem ersten Silberrücken. Es war ein jüngerer, der ein wenig abseits von der Gruppe im Dickicht saß. Was für tolles Geschöpf. Wir gingen noch ein paar Schritte und erreichten völlig unscheinbar auf einer Art Plateau die Igisha-Gruppe bei ihrer Mittagsruhe. In der Mitte saß der imposante Silberrücken, dessen tatsächliche Größe man nur erahnen konnte. Um ihn verteilt lagen die Weibchen und ließen sich von unserer Anwesenheit in keinster Weise stören. Zwei kleine Babys waren von der Notwendigkeit der Mittagsruhe nicht überzeugt und spielten stattdessen. Ein guter Freund in Kigali sagte einmal nach seiner Rückkehr vom Gorilla-Tracking, dass er es eher nicht als „life-changing“ empfunden hätte. Ich weiß nicht, ob es die richtige Bezeichnung dessen ist, was man in der Gegenwart eines Gorillas empfindet. Allein die Möglichkeit, diese Tiere aus nächster Nähe beobachten zu können, erachten wir als unglaubliches Privileg, was uns doch mit einer gewissen Demut zurücklässt.
Wer hat eigentlich bestimmt, dass eine Stunde 60 Minuten hat? Unsere Stunde hatte gefühlt nur 30 Minuten. Francis hielt sich genau an die Regeln und läutete den Rückweg ein. Irgendwie beneidete ich unseren Schweizer Mitwanderer darum, dies zweimal erlebt zu haben. Es muss diese Erhabenheit sein, die auch Dian Fossey so magisch anzog. Gegen frühen Nachmittag erreichten wir unseren Ausgangspunkt und traten die Rückfahrt an. Anne hatte mit den Kinder den halben Tag im Gorilla-Museum verbracht, wo wir sie dann abholten. Als Dank luden wir sie abends zum Essen ein. Am nächsten Morgen waren wir dann bereit für unser Inselabenteuer.






















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