Unterwegs mit Freunden in Ruanda

Teil 1

Wir sind nun seit fast 1,5 Jahren in Ruanda und können unser Glück noch immer kaum in Worte fassen. Mittlerweile hat sich zwar auch hier der Alltag eingeschlichen, aber der ist wahrlich abwechslungsreich. Unsere beiden Eltern waren ja bereits zu Besuch gekommen. Umso schöner war es dann auch, als sich mehrere Freunde in diesem Sommer auf den Weg zu uns machten. Einer afrikanischen Weisheit zufolge ist ein Freund jemand, mit dem man seinen Weg teilt. Was liegt da also näher, als den Weg ein Stück gemeinsam zurückzulegen. Uns ist bewusst, dass die Anreise gerade mit kleineren Kindern nicht immer das einfachste Unterfangen gewesen sein muss. Die Vorfreude und Spannung auf die lange Reise war aber bei allen zu spüren.

Für Anfang Juni hatten sich Falk, Simone, Moritz und mein Patenkind Nils angekündigt. Martha und Carl waren schon ganz aufgeregt. Auch vor allem deswegen, weil sie am 10. Juni ihren letzten Schultag haben sollten. Den hatten sie sich auch redlich verdient. Vor uns sollten dann 10 Wochen Ferien liegen, von denen wir sie ehrlicherweise aber 6 Wochen für ein Summercamp angemeldet hatten. Wir hatten ein schlechtes Gewissen und fürchteten, dass sie die einzigen Kinder dort wären, weil alle anderen zum Heimaturlaub nach Hause aufbrechen würden. Aber weit gefehlt. Es waren fast 3/4 der Schulkinder da und auf dem Programm stand jeden Tag eine andere Aktivität. Ich bin ehrlich, 10 Wochen mit Carl und Martha daheim waren eine beängstigende Vorstellung.

Falk und Familie kamen pünktlich in Kigali an und bei Simone flossen ein paar Freudentränen. Nach langer Zeit konnte sie nunmehr wieder einen Fuß auf den afrikanischen Kontinent setzen, den sie während ihrer Zeit in Ghana schon kennenlernen durfte. Es war aber nicht zu übersehen, dass es für alle ein sehr anstrengende Reise gewesen war. Wir fuhren geradewegs nach Hause, wo auch schon der Rest der Familie sehnsüchtig auf den Besuch aus Deutschland wartete.

Wir haben uns gar nicht lange in Kigali aufgehalten und sind gleich am nächsten Tag zur Jangwe-Loge von Lidi und Georges in Shyogwe gefahren. 1,5 h südwestlich von Kigali findet man ein toskanisch anmutendes Refugium, wo wir bisher fast alle hingelotst haben. Nicht nur, weil es mitten auf dem Land abseits des Trubels liegt, sondern auch, weil Lidi eine unglaublich gute Köchin ist. Auf die Frage von Doreen, wie sie es schaffe, jedes Mal etwas anderes zu zaubern, antwortete Lidi nur, dass sie sich alles notiere, was ihre Gäste essen, um zu vermeiden, dass sie beim nächsten Besuch dasselbe nochmal bekämen. Georges ist ein ruandisch-belgischer Regisseur, der sehr gern noch das Leben von Richard Kandt, dem ersten deutschen Residenten in Ruanda, verfilmen möchte. So gibt es bei jedem Besuch, lange Gespräche über die Ideen der Umsetzung.

Wir hatten uns zwei Tage Auszeit gegönnt, genossen den Pool und wanderten ein wenig entlang des Ururumanza-Flusses. Nils, Moritz, Martha und Carl genossen es, auf den Steinen herumzuklettern, immer begleitet von den neugierigen Blicken der einheimischen Kinder. Die Landschaft ist bezaubernd, ursprünglich und immer gibt es etwas Neues zu entdecken. Wo bei uns Traktoren die Feldarbeit verrichten, sind es hier die vielen fleißigen RuanderInnen. Der Tag beginnt meistens schon um 5 Uhr morgens, wenn die Morgendämmerung einsetzt und endet abends wenn die Sonne untergeht. Da Strom vergleichsweise teuer ist, geht man dann auch früh zu Bett. Vor Kurzem sahen wir einen Beitrag, wonach die Entwicklung Europas durch die Elektrifizierung beschleunigt worden sei. Die Menschen schliefen weniger und arbeiteten bis spät in die Nacht, was durch das künstlich geschaffene Licht ermöglicht wurde. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Ruanda in einigen Jahren wohl aussehen wird. Schon heute wird die ländliche Gegend durch die Installation von Solarpanels elektrifiziert. Ehrlicherweise muss man aber hinzufügen, dass dieser Strom (noch) nicht zum Betrieb eines Kühlschranks reicht. Die dunkle Nacht in Shyogwe ist nur ein weiterer Grund, warum wir diesen Ort so gern besuchen. Die Ruhe wird gelegentlich nur von den vorbeifliegenden Drohnen der Firma Zipline gestört, die Medikamente in den Süden des Landes befördern. Auch das ist Ruanda.

Fluß Ururumanza
Playtime mit Georges

Danach ging es wieder zurück nach Kigali, um noch die letzten Schultage zu absolvieren. Freitag war ja schließlich Zeugnisübergabe. Unter der Woche hatte Doreen Simone ins Meza Malonga entführt. Ein kulinarischer Ort der besonderen Art, von Dieuveil Malonga betrieben, der seine Fähigkeiten in Deutschland erworben hat. Eine Sternerestaurant ohne Stern. Wahrlich ein Genuss, den man nicht ohne weiteres in Ruanda erwartet.

Die Zeugnisübergabe war ein feierliches Ereignis. Vor allem auch deswegen, weil es seit Schulbeginn das erste Mal war, dass wir als Eltern mit in die Schule konnten und uns so quasi alle das erste Mal live gesehen haben. Falk und Moritz kamen spontan mit. Es war auch traurig, weil uns manch lieb gewonnenen Freunde auch schon wieder verlassen mussten. Malaika ist nach Uganda umgezogen und wir haben uns fest vorgenommen, sie dort zu besuchen. Irgendwann wird auch uns dieser Moment des Abschiednehmens ereilen, dachte ich. Auch einige Lehrer zogen weiter, die Martha und Carl auf ihren ersten Wegen und beim Erlernen der fremden Sprache so geduldig begleitet haben. Es bleibt ein tiefes empfundenes Gefühl der Dankbarkeit.

Im Anschluss an die Zeugnisübergabe traten wir alle gemeinsam die Reise in den Akagera-Nationalpark an. Es war schon spät und eigentlich vermeide ich es, in der Dunkelheit zu fahren. Da teilt man sich die Straße nämlich mit Fußgängern, unbeleuchteten Radfahrern, Autos und LKWs, die ständig auf- und abblenden. Die Straße nach Tansania ist zudem ein Nadelöhr, was auch schon mal zu längeren Wartezeiten führen kann. Kurz vor Rwamagana wurden wir dann auch von einem schweren LKW-Unfall gestoppt und so war es unvermeidlich, dass wir erst im Dunkeln in der Rhino-Lodge hochhoben über dem Lake Ihema, dem zweitgrößten See Ruandas, ankamen. Alle waren ziemlich erschöpft und nach einem kurzen Abendessen entschlossen wir, ins Bett zu gehen. Am nächsten Morgen würden wir ja um 6 Uhr aufbrechen, um pünktlich zum Game-Drive durch den Park mit unserem Guide Peninah starten zu können.

Der Akagera-Nationalpark ist eine kleines Juwel, verglichen mit den riesigen Parks in Kenya oder Südafrika, wo man tagelange Safari-Touren machen kann. Im hiesigen Park weiß man aber nie, was man tatsächlich zu sehen bekommt. Da es wenig flache Savanne gibt und der Park teils mit dichtem Gebüsch zugewachsen ist, bleibt es jedes Mal eine Abenteuer. Simone wollte so gern Elefanten sehen. Leider haben sie sich diesmal nicht gezeigt. Vor allem auch deswegen, weil sie aufgrund der Trockenheit oft in die weniger zugänglichen Wassergebiete des Südens vordringen. Belohnt wurden wir aber mit allerlei anderen schönen Tieren. Abends hatten wir uns für die Übernachtung im Park entschieden und wir genossen das milde Klima mit einem atemberaubenden Blick. Irgendwann wollen wir auch mal auf den Campingplätzen übernachten. Die Kinder waren nach der langen Autofahrt ziemlich fertig und schliefen fast schon beim Abendessen ein. Am Sonntag ging es aller Gemütlichkeit zurück nach Kigali.

Doreen musste leider wieder arbeiten, so dass Falk, Simone und ich uns noch für einen gemeinsamen Ausflug mit den Kindern in den Norden entschieden. In einem Buch über die Tätigkeit der deutschen Missionare in Ruanda Anfang des 20. Jahrhunderts hatte ich eine alte Fotografie eines Wasserfalls im Norden entdeckt. Ich schickte sie unserem Freund Philbert, mit dem wir schon auf den Mount Kabuye gewandert waren, und fragte ihn, ob er wisse, wo dieser sich befinde. Er war ganz neugierig ob der alten Fotoaufnahmen, musste dann aber zugeben, dass dieser so nicht mehr existierte. Die alten Schreibweisen (z.B. Lac Luhondo) bestätigen das, was man immer wieder in der ruandischen Sprache wahrnimmt. Ruander sprechen manchmal das R wie ein L aus und umgekehrt. Das erklärt auch, warum einer der Twin-Lakes heute eigentlich Lake Ruhondo heißt. Philbert hatte aber eine andere Idee. Wir sollten nach Musanze kommen und das Auto dort stehen lassen. Von dort wollte er mit uns eine Wanderung entlang des Mpenge-Flusses durch traditionelle Siedlungen zu den Isaac Water Falls machen. Das war ganz nach unserem Geschmack. Auf dem Weg lag die von Graf Adolf Friedrich zu Mecklenburg entdeckte Amakera-Quelle, die er anfangs fälschlicherweise für die Nil-Quelle hielt. Die sollte Richard Kandt erst später im Nyungwe-Nationalpark entdecken. An der Amakera-Quelle kommt natürliches kohlensäurehaltiges Wasser an die Oberfläche, an der täglich viele (vor allem) Schulkinder Halt machen, um ihre Wasserflasche aufzufüllen. Wir haben zwar nicht gekostet, aber es soll wohl aufgrund des vulkanischen Gesteins ziemlich nach Schwefel schmecken. Wir setzten unseren Weg auf den schmalen Pfaden durch die landwirtschaftlich genutzten Flächen fort und waren selbstverständlich die Attraktion. Unser Mittagessen teilten wir mit den Kindern. Philbert legt Wert darauf, dass die Kinder nicht nach Geld fragen, was sie natürlich trotzdem tun. Es ist immer wieder beeindruckend, wie er auch selbst Verantwortung dafür übernimmt, dass sein Land mit jedem Tag ein Stück besser wird. In Sachen Freundlichkeit kann man sich kein besseres Reisziel wünschen. So kam es auch, dass nach soviel Bewegung auch irgendwann der Ruf nach dem stille Örtchen kam. Auch hier öffnete eine Familie ihre Türe. Als Nils kurzerhand von einem kleinen Schwein gestört wurde, entschied er sich doch, bis zur Unterkunft zu warten. Entlang des Flusslaufs gibt es immer ein paar Höhenunterschiede zu überwinden, wo auch der Mpenge sich den Hang hinabwälzt. An manchen Stellen findet man daher auch Überbleibsel von alten Wasserkraftwerken. Zum Ende unserer Wanderung schienen wir uns in einem Labyrinth von Stangenbohnen verloren zu haben, was natürlich nicht er Fall war. In Ruanda ist man selten allein. Und trotzdem hatten die über 2m-hohen Gewächse etwas von einem Irrgarten. Besonderes Highlight war für alle die sog. „traditional Bridge“. Wir mussten ziemlich lachen, als wir die paar Baumstämme sahen, die den kleinen Fluss überspannten. Und doch war es eine Herausforderung. Abends übernachteten wir bei den Schwestern im Foyer de Charité mit Blick auf die Vulkane und ließen die Seele an diesem Ort der Stille baumeln. Simone erklärte mir am nächsten Morgen einige Praktiken im Gottesdienst, den wir uns gemeinsam anschauten.

Wir verließen den Norden, um weiter Richtung Osten zum Lake Muhazi zu fahren. Da war offen gestanden ein ganz schöner Ritt, führte uns aber in Ecken, in denen wir vorher auch noch waren. Wir entschlossen uns, durchs Landesinnere Richtung Gicumbi zu fahren. Auf dieser Strecke erklimmt man gemächlich die Berge, um dann auf über 2100m Höhe zu landen. Die perfekten Bedingungen, um den Sorwathe-Tee anzubauen. Was wir so schnell im Auto erledigen, muss für die Menschen früher ewig gedauert haben. Dieses Land ist so zerfurcht von kleinen Tälern und überall haben sich die Menschen niedergelassen. Allein aufgrund dieser Tatsache ist es schon eine Herausforderung, alle mit den notwendigsten Dingen zu versorgen. Was beeindruckt, sind die unzähligen Schulen, die mit ihren blauen Dächern schon von der Ferne aus gut zu erkennen sind. Der Lake Muhazi ist ein flacher, langgestreckter See im Osten Ruandas. Am Wochenende ist er ein beliebtes Ausflugsziel für viele Leute aus Kigali. Wir hatten uns für eine Übernachtung im Kingfisher-Hotel angemeldet, das man auf zwei Wegen erreichen kann. Der einfache Weg führt über den See mittels Fähre und man lässt das Auto auf der anderen Seite stehen. Der schwierigere Weg führt mit dem Auto über die Piste, was ungleich mehr Abenteuer bedeutet. Das wussten wir aber erst hinterher. Der Kingfisher liegt idyllisch am Ufer des Sees und ist schon ein wenig in die Jahre gekommen. Grundsätzlich kann ich überall schlafen und stelle in der Regel auch keine hohen Ansprüche. Die Maurerarbeiten um 6 Uhr morgens an unserer Wand waren dann aber doch zu früh und sorgten für ein wenig Missstimmung bei mir. Nun ja, auch das soll mal vorkommen.

Zurück in Kigali genossen wir die letzten gemeinsamen Tage und Faustin verwöhnte uns mit seinen Kochkünsten. Eben gerade erst angekommen, mussten Moritz, Nils, Simone und Falk schon wieder abreisen. Vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen in Ruanda. Die Elefanten stehen ja noch auf der Liste.

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