Es war Samstag, der 19. März 2022. Ein Tag, den ich niemals vergessen werde und der uns unser ganzes Leben mit Ruanda verbinden wird. Das letzte Wochenende vor unserer geplanten Reise nach Deutschland seit unserer Ankunft auf dem afrikanischen Kontinent.
« Hello. What’s your decision for tomorrow morning? Bicycle or not bicycle, this is the question 🤔. »
Das waren seine letzten Zeilen, die er mir geschickt hatte.
Giorgio und ich hatten uns zum Fahrradfahren um 8:30 Uhr verabredet. Es war herrlicher Sonnenschein. Und es war zu lange her, dass wir gemeinsam gefahren sind. Jedes Mal wenn ich zu ihm nach Hause kam, sagte er mir, dass Annie, Giorgios Frau, mich mit dem Fahrrad gesehen hätte. Ich wolle wohl nicht mit ihm fahren, fragte er dann ein wenig vorwurfsvoll. Wir wollten den Mount Rebero hinauffahren, um abends gemeinsam das zweite Simbizi-Vibes-Konzert des Jahres zu veranstalten. Es sollte anders kommen. Giorgio wiederholte stets, ich solle mir doch ein E-Bike zulegen, dann könne ich beim Fahrradfahren die Landschaft genießen. Ich wäre am liebsten gar kein Fahrrad gefahren. Giorgio ist um 12:30 Uhr an einem Herzinfarkt gestorben, den er auf unserer gemeinsamen Tour erlitten hat. An diesem Tag habe ich einen Freund verloren, den ich doch gerade erst gewonnen hatte.
Wir waren gerade eine Stunde unterwegs, hatten uns mehrmals verfahren. Giorgio zog die Pisten den geteerten Straßen vor. Die Kinder am Straßenrand freuen sich immer, wenn Abazungu vorbeifahren. Vor lauter Aufregung lassen sie meistens alles stehen und liegen und rennen mit nackten Füßen hinter dir her. Das Strahlen in den Gesichtern und die Good Morning-Rufe verleihen zusätzliche Kräfte, um die steilen Anstiege meistern zu können. Giorgio sprach so gut Kinyarwanda, dass dies völlige Verwunderung und fragende Blicke auf uns zog. Weiße, die auch noch meine Sprache sprechen! Es war ein herrlicher Moment, den man eigentlich nicht beschreiben kann.
Giorgio klagte des öfteren über Rückenschmerzen. Da er die meiste Zeit des Tages in seinem Tonstudio verbrachte, um ruandische MusikerInnen bei ihren Projekten zu unterstützen, wunderte das nicht. So habe ich ihn und Annie auch kennengelernt. Wir waren gerade wenige Wochen zuvor in Kigali angekommen. Während Doreen arbeiten ging, versuchte ich die Kinder zu unterhalten. Joël, der Ehemann einer Arbeitskollegin von Doreen, fragte mich, ob ich nicht Annie und Giorgio kennenlernen wollen würde. Er würde demnächst nach Washington umziehen und es bräuchte noch jemanden, der seine Rolle bei Simbizi-Vibes übernehmen wollen würde. Giorgio und Joël hatten gemeinsam mit zwei weiteren Freunden Simbizi-Vibes gegründet, um junge ruandische MusikerInnen mit der Organisation von Liveauftritten zu unterstützen. „Simbizi“ ist Kinyarwanda und bedeutet so viel wie unbekannt. Unbekannte Musiker sollten so die Gelegenheit bekommen, ihre Musik in einem kleinen Zuhörenkreis vorstellen zu können. Giorgio bot an, die Musik professionell aufzunehmen und dann zur Verfügung zu stellen. Ich war sofort begeistert und wollte mitmachen. Als Giorgio dann auch noch erzählte, dass er gern Fahrrad fahre, gab es nun schon zwei Gemeinsamkeiten.
Annie und Giorgio sind nach Ruanda gekommen, um ihren Ruhestand zu genießen. Giorgio stammt eigentlich aus Mailand. In den 80er Jahren kam er das erste Mal nach Kigali und hatte Annie kennen und lieben gelernt. Sie heirateten und seine Tätigkeit bei der WHO führten beide später nach Malawi, Eritrea und schlussendlich nach Lyon. „Annie hat mich mein ganzes Berufsleben begleitet und ihre Heimat dafür verlassen. Dass wir jetzt für den Ruhestand nach Ruanda zurückkehren, ist die einzig richtige Entscheidung.“ Das waren Giorgios Worte und sie zeigen mir, was für ein großartiger Mensch er war. Er liebte dieses Land und fehlt unendlich hier.
Wir waren im Anstieg zum Mount Rebero, als Giorgio plötzlich über starke Schmerzen klagte. Aus heutiger Sicht hätte ich es wahrscheinlich sehen müssen, dass es ein Herzinfarkt war. Es gab weit und breit keine Hilfe. Ich rief Doreen an und sagte ihr, dass sie uns abholen müsse. Giorgio könne nicht mehr weiterfahren. Ich war die Strecke einige Wochen zuvor schon einmal gefahren. Daher wusste ich, wo sie am schnellsten mit dem Auto ranfahren konnte. Ich sagte zu Giorgio, dass ich nur kurz weg sein und das Auto holen würde. Doreen hatte keine Minute gezögert und sich sofort auf den Weg gemacht. Später im Auto sagte er zu ihr: „You saved my life“. Er wollte nicht ins Krankenhaus, sondern nach Hause, um sich auszuruhen. Giorgio war kein Mensch, dem man einfach widersprach. Als ich zu Hause mit dem Fahrrad ankam, wollte ich eigentlich nochmal nach ihm schauen und sehen, wie es ihm geht. Giorgio ist wenig später, nachdem ihn Doreen zu Hause abgesetzt hatte, zusammengebrochen. Als ich im Krankenhaus von Giorgios Tod erfuhr, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Dieser Tag hat mein Leben verändert.
Wie es die Tradition in Ruanda bestimmt, wird den Verstorbenen vor der Beisetzung mehrere Tage lang zu Hause gedacht. Es kamen jeden Tag unzählige Menschen zu Annie nach Haus. Ich wusste nicht, woher sie diese Kraft nahm, aber es half mir, ihr in diesen schweren Momenten beizustehen. Denke nicht daran, was du verloren hast! Schätze dich glücklich, dass du mit Giorgio das gemacht hast, was er liebte! Das hörte ich immer und immer wieder.
Giorgio wurde am 27. März 2022 in Rusororo, einem Stadtteil von Kigali, in einer bewegenden Trauerfeier beigesetzt. Er hat länger in Afrika gelebt, als in Europa. Wann immer es mir möglich ist, begleite ich Annie zum Friedhof. Giorgio hinterlässt eine riesige Lücke. Für die Familie, die Freunde und die Musiker. Es ist schwer, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört haben. Aber die Musik und das Fahrradfahren helfen dabei, das Geschehene zu verarbeiten.




Erst kurz vor seinem Tod spielte er mir seine eigenen Lieder vor, die er komponiert hat. Martha fragt manchmal, ob sie Giorgio zum Schlafengehen hören kann. Das ist schön und schmerzhaft zugleich.
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