Hiking zum Mount Kabuye

Am vergangenen Wochenende war eine besondere Überraschung geplant. Der Anlass ist nicht weiter wichtig, war aber Grund genug, für einen Ausflug. Doreen war ausgesprochen wortkarg, sie sagte nur, dass wir 1,5 h Stunden mit dem Auto fahren müssten. Dann würde ich alles weitere erfahren. Die gepackten Rücksäcke ließen aber schon ein wenig erahnen, dass wir irgendwo übernachten würden. Wie die letzten Tage zuvor war es relativ warm. Nicht, dass man dies nicht sowieso in der Trockenzeit hier erwarten würde. Nein, auch hier macht sich der Klimawandel bemerkbar. So haben wir regelmäßig starke Regenfälle, die manchmal auch die ganze Nacht andauern, atemberaubende Gewitter und dann wieder Sonnenschein. Alles in allem ist es aber sehr angenehm. Mal schauen, wie es in zwei Wochen in Deutschland sein wird. Dann sind wir nach fast neun Monaten das erste Mal auf sog. Heimaturlaub. Alle sagen uns, dass der Monat April die beste Zeit wäre, um Ruanda wettertechnisch zu verlassen.

Wir verließen Kigali gegen 8.30 Uhr in Richtung Musanze im Norden. Wer glaubt, dass Kigali am Wochenende um diese Uhrzeit noch schläft, der irrt. Bereits ab 7.00 Uhr herrscht ein Trubel in den Straßen von Nyamirambo, das multikulturelle Viertel in unserem Stadtteil Kiyovu. Bei den allsonntäglichen Mountainbike-Touren kann man dies besonders gut beobachten. Vor einigen Wochen hatten wir eine Führung mit dem Nymirambo Women Center durch die kleinen Straßen gemacht und so einen Einblick in die Lebensweise bekommen. Nicht nur kulturell, sondern auch kulinarisch ein Erlebnis.

Wenn man einmal das dahinter liegende Nadelöhr in Nyabugogo geschafft hat, schlängelt sich die Straße steil den Berg hinauf und man genießt einen fantastischen Ausblick auf Kigali. Die Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h sowie die stetige Erinnerung an deren Einhaltung in Form von Radarfallen lässt keine Eile aufkommen, so dass man die Geschäftigkeit der Menschen in Ruhe beobachten kann. Der Weg ist das Ziel ist und bleibt das Motto. Das Navi zeigte 1,5 h Fahrzeit an. Dort sollte also die Überraschung sein. Zwei Wochen zuvor waren wir ebenfalls auf diesem Weg zu den Twin Lakes gewesen und hatten im Foyer de Charité, eine katholische Glaubensgemeinschaft mit Herberge, übernachtet. Der Blick von dort auf die Vulkankette, welche die Grenze zu Uganda und zum Kongo bildet, ist atemberaubend.

Da es uns an diesem Ort so gut gefallen hatte, vermutete ich zunächst, dass Doreen kurzerhand erneut eine Übernachtung organisiert hatte. Aber das Ziel lag etwas weiter davor. Sie machte es spannend. Carl und Martha hatten die ganze Woche über immer wieder gesagt, dass sie wüssten, wohin wir fahren würden, aber es nicht verraten. Gakenke District war das Ziel, hatte ich aber noch nie gehört. Wir verließen die asphaltierte Hauptstraße und kamen nach einer kurzen Schotterpiste an einer Gabelung an, wo wir offenbar schon sehnsüchtig erwartet wurden. „Beyond the Gorillas Experience“. Das klang spannend. Gorillas sollten wir also nicht sehen. Nachdem wir den Wagen im Hof geparkt hatten, begrüßte uns Théophile herzlich mit seinem Team. Wir würden heute den Mount Kabuye besteigen. 2700 m hoch, 10 km Fußweg, 1000 Höhenmeter. Wahnsinn. Das Wetter sollte es offenbar gut mit uns meinen. Es war ziemlich heiß. Dieser Schein trog allerdings. Und spätestens als Théophile uns fragte, ob wir Regensachen dabei hätten, war mir klar, dass sich das Wetter hier schnell ändern kann. Auf die Frage, ob denn der Weg für Carl und Martha auch geeignet wäre, hieß es, dass notfalls Träger bereit stünden. Doreen hatte wirklich an alles gedacht. Diese Touristenausflüge sind eine der wenigen Möglichkeiten neben der Landwirtschaft, den Dorfbewohnern eine Einkommensmöglichkeit zu verschaffen.

Wir verließen mit den Guides Esther, Allen und Philbert das Büro (wie immer umringt von unzähligen Kindern) und nahmen einen Weg, der sich gemächlich den Berg hinaufschlängelte. Zwischenzeitlich hatten sich auch dunkle Wolken vor die Sonne geschoben, so dass es nicht mehr ganz so warm war. Carl war in seinem Element und lief mit Philbert voraus. Für Martha bedurfte es noch so mancher überzeugender Argumente. Ich befürchtete, dass sie doch irgendwann getragen werden wollte. Wir liefen durch kleine Häuseransammlungen und je höher man kam, desto steiler wurden die Hänge, in denen Landwirtschaft betrieben wurde. Was für eine anstrengende Arbeit. Maschinen als Hilfe gibt es nicht. Hier hilft nur Hacke und Muskelkraft. Beeindruckend ist vor allem, mit welcher Leichtigkeit (scheinbar) alles mögliche auf dem Kopf balanciert wird. Dies sei weniger ermüdend, als wenn man es mit den Armen tragen würde, hat man uns erklärt. Die Kinder lernen mit zunehmenden Alter mehr Gewicht auf dem Kopf zu tragen. Unterwegs kamen uns zwei Jungs entgegen, mit denen wir ins Gespräch kamen. Sie seien um fünf Uhr aufgestanden, um auf dem Markt Kartoffeln zu kaufen. Sie trugen jeweils 10 und 15 Kilogramm schwere Säcke auf dem Kopf und liefen in Flip-Flops den Berg hoch und runter. Wer braucht da schon Wanderschuhe, dachte ich mir. Das Leben in diesen Dörfern ist kaum mit dem in Kigali zu vergleichen. Es ist entbehrungsreich, authentisch und friedvoll zugleich. Zwischenzeitlich hatte es angefangen zu regnen und der immer dunkler werdende Himmel versprach nichts Gutes. Doch! Martha hatte ihre Lust am Laufen gefunden und so trabten wir gemächlich den Berg hinauf. Als aber dann das Gewitter dazukam, entschieden wir uns, eine Pause zu machen. Eine Frau gewährte uns am Wegesrand Unterschlupf in ihrer Behausung, denn der starke Regen und der überflutete Weg machten ein Weiterlaufen unmöglich. Die Blitze am Himmel überzeugten mich, hier noch eine Weile auszuharren. Nach einer Stunde entschieden wir uns trotz anhaltenden Regens zur Fortsetzung unserer Wanderung, ohne zu Wissen, was da noch auf uns zukommen würde. Rückblickend muss ich sagen, dass es besser war, keine Ahnung von der Beschaffenheit des Weges gehabt zu haben. Der Regen sorgt dafür, dass die Mischung aus Stein-Lehm-Boden zu einer Rutschpartie wird. Gott sei Dank ging es bergauf. Bergrunter wäre es kaum möglich gewesen. Carl und Martha waren motiviert, obwohl die Hände im Regen froren und die Schuhe durchnässt waren. Ich hatte sie unterschätzt und war ziemlich stolz auf beide. Carl hatte sogar genug Energie, um Blumen zu pflücken. Je höher wir kamen, desto steiler wurde es. Ich bemerkte erst viel später, dass es aufgehört hatte zu regnen. Beim Laufen vergisst man irgendwie das Gefühl von Zeit und Raum. Wir erreichten den 2700m hohen Mount Kabuye und uns erwartete ein traumhafter Blick über diese atemberaubende Landschaft. Im Norden konnten wir wieder die Vulkane sehen, die Blechdächer der kleinen Häuser reflektierten das Licht der warmen Sonne und Faustin begrüßte uns im 2020 errichteten Camp. In der Hochsaison kommt es schon vor, dass sich bis zu 80 Wanderer am Tag hierher verirren. Heute waren wir aber die einzigen Gäste. Es war bereits 16 Uhr, doch Faustin bestand freundlich darauf das wir noch Lunch einnehmen. Das hätten sie doch schließlich vorbereitet. So etwas lehnt man nicht ab, wohlweislich, dass es noch ein Abendessen geben sollte. Es war genau richtig. Wir genossen das Essen, wärmten uns am Feuer, trockneten die nassen Schuhe und bezogen das Zelt. Der Aufstieg hatte Kraft gekostet und die Kinder waren müde und wollten von selbst schlafen gehen. Doch Allen bat noch kurz um unsere Aufmerksamkeit. Sie hätte uns etwas wichtiges zu sagen. Sie müsse noch heute Abend wieder absteigen, weil morgen eine weitere Tour warten würde. Ich stand nur kopfschüttelnd da und konnte nicht glauben, dass sie in dieser Dunkelheit den Berg auf den durchnässten Pfaden wieder hinabsteigen wollen würde. Noch völlig geschockt von der Nachricht hatte ich nicht bemerkt, wie sich das gesamte Team mit Kochlöffel bewaffnet hatte, um mich mit einem Happy Birthday-Ständchen und einer Torte zum Geburtstag zu überraschen. Niemand würde heute Abend wieder absteigen. Ich war unglaublich gerührt und sprachlos. Dieses Land und seine Menschen habe ich in mein Herz geschlossen. Es war ein toller Abend. Wir saßen am Feuer, genossen die Küche, lernten Ikinyarwanda, hörten den Geschichten von Esther, Allen, Philbert und Faustin zu. Diese Teamarbeit war wirklich etwas besonderes. Es war bereits 22.30 Uhr als Doreen und ich uns ins Zelt verabschiedeten. Carl und Martha waren da schon längst im Traumland. Der Mond schien am Himmel und es war so friedlich. Ich musste daran denken, wie es wohl 1994 gewesen war, als der Berg vor den herannahenden Milizen verteidigt wurde. Überall konnte man sehen, wo einzelne Verteidigungsanlangen gewesen waren. Heute stehen dort 20m Nadelbäume, die einem das Gefühl geben, als stünde man in einem Märchenwald.

Die Nacht im Familienzelt war erstaunlich erholsam. Das lag sicherlich an der kräftezehrenden Wanderung (und an der Wärmflasche). Faustin überraschte uns am nächsten Morgenc mit Tee und Kaffee sowie anschließendem Frühstück. Weil wir nicht wussten, wie das Wetter werden würde, entschieden wir uns gleich danach zum Abstieg. Wir ließen uns Zeit und genossen das sonnige Wetter. Am Regentag zuvor waren kaum Menschen unterwegs gewesen. Jetzt war es das Gegenteil. Alle arbeiteten auf ihren Feldern, die Kinder spielten und beäugten den Wandertrupp. Die Pfade waren immer noch feucht und rutschig. Carl und Martha ließen sich davon aber nicht beeindrucken. Manchmal beneide ich sie um das Kindsein. Je tiefer wir kamen, umso lebendiger wurde das Treiben. In der Ferne hörte man die Gesänge von den Gottesdiensten in den Kirchen. Ich konnte kaum glauben, dass wir diesen Weg tags zuvor hinaufgestiegen waren. Auch die Frau, die uns Unterschlupf vor dem Regen gewährte, begrüßte uns freudig und wünschte uns einen weiteren friedvollen Lebensweg. Ich versprach ihr mit meinen rudimentären Ikinyarwanda-Kenntnissen, dass wir beim nächsten Mal erneut anhalten und auf einen Kaffee vorbeischauen werden. Es zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht. Esther, Allen und Philbert versicherten wir ein Wiedersehen und so traten wir entspannt die Heimreise nach Kigali an. 60 km/h, ohne Eile. Ich hätte mir kein schöneres Geburtstagswochenende vorstellen können.

Mount Kabuye

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑