Nachdem der erste Arbeitseinsatz mit den Großeltern beendet war (die Hühner hatten auch schon ein paar wenige Eier gelegt und der Hahn krähte munter), stand nun endlich der erste richtige Urlaub an. In weiser Voraussicht hatte ich in Deutschland noch einen Dachgepäckträger gekauft, den wir samt Dachbox montierten, um das Gepäck zu verstauen. Es hatte ein wenig Expeditionscharakter, aber trotz 7 Sitzen musste einer im Kofferraum Platz nehmen, so dass dort kein Gepäck mehr hineinpasste. Die Wahl fiel auf Ingrid, die sich sofort „häuslich“ einrichtete. So konnten wir jedenfalls in einem Auto fahren, denn wir wussten nicht so recht, was uns erwarten würde. Kurz vor der Abreise hieß es noch, dass wir einen Teil der ausgewählten Strecke wegen schlechter Straßenverhältnisse nicht befahren könnten. Das wurde dann später korrigiert. So machten wir uns also auf den Weg zu unserer ersten Zwischenstation, eine Lodge 1,5 h südlich von Kigali. Wir waren ja bereits gewohnt, dass man durchaus ein wenig mehr Zeit einplanen sollte aufgrund der Dichte des Verkehrs. Wer glaubt, dass sich die Topographie außerhalb Kigalis ändern würde, wurde schnell eines besseren bewährt. Ruanda, die Schweiz Afrikas bzw. „The Land of Thousand Hills“, machte seinem Namen alle Ehre. Die LKWs quälen sich voll beladen die Hänge hoch und bei der Abfahrt wird dann die Motorbremse genutzt, weil das Vertrauen in die eigenen Bremsbeläge nicht sonderlich hoch zu sein scheint. Die Höchstgeschwindigkeit liegt sowieso bei max. 80 km/, meistens sind es 60 km/h, die man aber auch erst mal erreichen muss. So mäanderten wir also durch die beeindruckende Kulisse, die sich uns bereits nach wenigen Kilometern eröffnete. Die Lodge lag abseits von der Hauptstraße und das Navi zeigte nur noch 7 km bis zum Ziel an. Wir standen vor einer im Bau befindlichen Brücke, die durch ein Provisorium umfahren werden sollte. Doreen war skeptisch und vertraute auf alternative Routenvorschläge, die allesamt aber im Nichts endeten. Wir riefen an und fragten nach, welcher Weg denn der richtige wäre. Es war tatsächlich die erste Option über die provisorische Brücke gewesen. Nur Mut, dachte ich. Irgendwann müsste 4×4 ja mal zum Einsatz kommen. In Kigali braucht man es nicht unbedingt für die Alltagsstrecken. Es ging alles gut und wir kamen bei unserer ersten Zwischenstation an. Unberührte Natur, Ruhe, schwarze Nacht und tolles Essen. Den Abend verbrachten wir am Lagerfeuer und diskutierten über die alltäglichen Herausforderungen. Zuvor hatten wir noch eine kleine Wanderung zum gegenüberliegenden Hügel über eine Hängebrücke unternommen und die einheimische Bevölkerung mit unseren rudimentären Kinyarwanda-Kenntnissen versucht zu beeindrucken. Es hilft zumindest weiter und wir waren, wie nicht anders zu erwarten, die Attraktion des Dorfes. Das sollten wir auch später noch einmal erfahren. Jedenfalls wird man demütig ob der eigenen Lebensumstände. Leider hatten wir nur eine Nacht gebucht, versprachen aber, alsbald wiederzukommen.
Wir setzten unsere Reise gen Süden fort und legten noch einen Zwischenstopp in Nyanza, Hauptstadt des ehemaligen Königreichs, ein. Für den Nyungwe-Regenwald mussten wir einerseits noch einen Schnelltest machen (für den Primaten-Trail hätten wir tatsächlich einen PCR-Test benötigt, aber Carl und Martha sind noch zu jung dafür), andererseits gab es hier eine Nachbildung des ehemaligen Königspalastes sowie die heiligen Kühe (Inyambo) zu besichtigen. Die Geschichte Ruandas ist für einen kurzen Zeitraum eng mit der deutschen Geschichte verbunden und es lohnt eine Auseinandersetzung mit derselben. Im Kandt-Haus in Kigali kann man beeindruckende Fotografien aus der Zeit um 1900 sehen, oftmals einzige Zeugnisse der Vergangenheit. Der Genozid ist dagegen kaum in Worte zu fassen. Das begleitet uns auch auf unserer Reise, denn im ganzen Land gibt es Genocide Memorials zu besuchen, die an die unfassbaren Gräueltaten erinnern. Das Königreich Ruanda war früher viel größer als heute (wie in Europa gab es auch hier über Jahrhunderte Gebietskämpfe). Im Zuge einer Einigung zwischen den Deutschen, Briten und den Belgiern entstanden die heutigen Grenzen Ruandas. Der frühere König Musinga soll 2,19 m groß gewesen sein, ein stattliche Gestalt. Nach einem Ausflug in die Geschichte setzten wir unsere Reise Richtung Regenwald und Teeplantagen fort. Unsere nächste Lodge lag auf 2400m Höhe, ideale Bedingungen für Black and Green Tea made in Rwanda. Die Ecolodge liegt am Eingang des Regenwaldes vor einem beeindruckenden Bergpanorama und Tee so weit das Auge reicht. Maarten war mit seinem Sohn aus Holland für einen Kurztrip nach Ruanda gekommen. Die Sprachverwandtschaft sorgte für regen Austausch. Am nächsten Morgen hatten wir uns mit Odile zu einer Wanderung durch die Teeplantagen verabredet. Wir in knöchelhohen Wanderschuhen, Odile in Mokassins. Sie erklärte uns die Ursprünge des Teeanbaus, der heute eine wichtige Einnahmequelle Ruandas darstellt. Nicht zuletzt ist er Heilmittel für alle möglichen Beschwerden. Der beschwerlichen Gang durch die Steilhänge wurde belohnt mit fantastischen Ausblicken. Nachmittags gönnten wir uns eine Auszeit und beobachteten die Ankunft einer Gruppe Omanis, die ihre Zelte aufbauten. Sie hatten halb Afrika mit dem Auto bereist und die Flaggen der durchquerten Länder demonstrativ auf den Wagen geklebt. Das klang echt verrückt. Abends hatte uns Eric seine selbstgemachte Tomatensoße im Restaurant versprochen und man merkte seine italienischen Wurzeln. Wir gingen zeitig ins Bett, denn am nächsten Tag wollten wir früh aufbrechen. Der Regenwald sah schon von der Ferne undurchdringlich aus. Nyungwe soll einer der ältesten Wälder der Erde sein. Durch den Wald führt eine asphaltierte Straße, was die Durchquerung von Ost nach West zum Lake Kivu heute einfacher macht. Wir hatten den Igishigishigi-Trail mit einem Canopy-Walk als Ziel auserkoren. Die 2 km-Runde sollte auch für Carl und Martha machbar sein. Patrick und Noella waren unsere Guides und so hofften wir, doch ein paar Affen zu sehen. Riechen konnte ich sie bereits. Der schmale Pfad war gut zu laufen und ging stetig abwärts. Das würden wir auch alles wieder hochlaufen müssen. Die eigentliche Herausforderung, jedenfalls für mich, war die Hängebrücke, die einen ungehinderten Blick in den Regenwald eröffnete. Es war eine ganz schön wacklige Angelegenheit. Glaubte ich anfangs noch Carl und Martha überreden zu müssen, wurde ich schnell eines besseren belehrt. Ich drehte nach dem ersten Drittel um und entschied mich für den Landweg. Ich versprach Noella, es beim nächsten Mal auf jeden Fall zu versuchen. Wir haben ja auch ein paar Jahre Zeit. Die Vegetation war üppig, der Aufstieg machbar und am Ende sollten wir tatsächlich noch ein paar Affen beobachten können. Den Schimpansen-Trail würden wir sicherlich das nächste Mal machen. Wir setzten unsere Fahrt fort und erreichten den Lake Kivu, die westliche Grenze Ruandas. Ein See, der riesige Gasvorkommen enthält, die heute zur Stromerzeugung genutzt werden. Baden wird aber wegen Bilharziose-Gefahr nicht empfohlen. Das ist wirklich bedauerlich, lädt doch der See gerade dazu ein. Vielleicht sollte man dies erneut erforschen, denn der Kontakt mit dem Wasser lässt sich praktisch auch gar nicht vermeiden. Auch Patrick, unser Bootsguide, sagte, dass die Entwässerung menschlicher Fäkalien in den See verboten sei und das Risiko einer Ansteckung nicht bestehe. Er gehe jedenfalls jeden Tag schwimmen. Auf der gegenüberliegenden Seeseite konnte man die Bergkette der Demokratischen Republik Kongo sehen. Die Grenze beider Staaten verläuft direkt durch den See. Es ist eine atemberaubend schöne und scheinbar unberührte Natur. Keine Speedboote, sondern Fischer, die durch ihre Gesänge die Gleichmäßigkeit des Paddeleinsatzes beschwören. Sie laufen abends aus und fangen Sardinen, die am nächsten Morgen in der Sonne getrocknet werden. Patrick hatte stattdessen ein Motorboot und brachte uns zu einigen vorgelagerten Inseln (Monkey-Island, Farmers-Island, Paradise-Island). Einige baulichen Überreste zeugten von einer früheren Besiedlung durch Mönche. Heute gibt es nur Silver-Monkeys, die offensichtlich an Menschen gewöhnt sofort zum Ufer kommen, wohlweislich, dass Patrick immer etwas dabei hat. Ansonsten gibt es Mango-, Zitrus-, Avocado-, Macadamiabäume, die wirklich schmackhaft sind. Vom Boot aus hatten wir einige Kühe auf den Inseln gesehen. Auf die Frage, wie diese dorthin gebracht würden, erklärte Patrick, dass sie schwimmen würden. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn wir es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten. Wie es der Zufall wollte, kam der Bauer mit seinem Einbaum angepaddelt und wir konnten zusehen, wie die Kühe von einer Insel auf die andere schwammen. Natur kann so einfach sein. Wir genossen das mediterrane Flair am See und belohnten uns am Abend mit einem Essen in der Cormoran-Lodge. Die Zeit verging wie im Flug und so hieß es dann auch die Rückreise nach Kigali anzutreten. Wir hatten uns für den Weg durchs Landesinnere entschieden. Die Straße befand sich größtenteils noch im Bau und führte bis dato durch unberührte Landschaften. Mit der Fertigstellung wird sicherlich auch hier der Verkehr sprunghaft zunehmen. Im Vergleich zu Kigali, wo die Autodichte um ein Vielfaches höher ist, ist auch hier das Fahrrad das wichtigste Transportmittel. Das nächste Mal würde ich es mitnehmen. Und so kamen wir voller Eindrücke im quirligem Kigali an und dachten bereits an das nächste Abenteuer.
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