
Eigentlich hatten wir bis kurz vor unserer Abreise versucht, notwendige Arztbesuche vorher in Berlin zu absolvieren. Doreens Zahnarztbesuche habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Höhepunkt war dann der HNO-OP-Termin. Allerdings hatte der Chirurg offenbar die Akte nur halb studiert, jedenfalls war der zu entfernde Polyp am Ende noch da. Corona hatte das ganze Behandlungsprozedere nicht unbedingt vereinfacht. Immerhin bekamen wir noch alle unsere Impfungen, so dass wir nicht gleich vorhatten, in Ruanda den nächsten Arzt aufzusuchen. Beim ersten MAP-Treffen (MAP = mitausreisender PartnerIn) wurde uns sodann auch gleich geraten, die wichtigsten Notfallnummern einzuspeichern. Was soll ich sagen: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Mittlerweile hat immerhin Martha eine Krankenakte in der Polyclinique du Plateau. Unsere erste Erfahrung erinnerte uns an längstvergessene Zeiten. Doreens Kollegin hatte angeboten, frischen Fisch vom Lac Kivu zu besorgen. Wir freuten uns total auf schmackhaften Tilapia mit Rosmarin und Thymian gewürzt. Seit unserer Ankunft hatte vor allem Martha ihre Vorliebe für Pommes verstetigt, was für die spätere Schulspeisung nicht unbedingt hilfreich war. Dagegen zählte bisher aber Fisch nicht zu den verschmähten Speisen. Beim Tilapia fing es auch gut an, aber es sollte nicht lange andauern. Wir dachten natürlich, dass die Abwechslung auf dem Teller doch zu viel des Guten war. Sie zeigte aber tatsächlich starke Nebenwirkungen in Form von zuschwellenden Augen und Erbrechen. Wir erinnerten uns sofort daran, dass Martha allergische Reaktionen bereits zeigte, als sie ein Jahr alt war und frisch geräucherten Saibling in Berlin aß. Damals musste sie tatsächlich eine Nacht im Krankenhaus bleiben und wir bekamen Cetrizin verschrieben, was wir ihr als Notfallmedikament geben sollten. Wir verzichteten seit dieser Zeit auf Räucherfisch, so dass dies irgendwie in Vergessenheit geriet. Und so war unsere Notfallapotheke, an die mich Sonja, eine befreundete Kinderärztin aus Leipzig, vor unserer Abreise dringend erinnerte, leider unvollständig. Glücklicherweise hatte Doreens Kollegin Cetrizin im Büro und half uns Freitagabend kurzfristig aus. Woher sollten wir das auch sonst um diese Zeit hier bekommen. Die mittlerweile eingestellte Malariaprophykaxe hatte auch ihre Guten Seiten. Die Einnahme von Tabletten war jetzt kein unüberwindbares Hindernis mehr. Der Schreck saß uns aber wirklich im Nacken und Martha hatte beim eigenen Anblick im Spiegel selbst Angst bekommen. Immerhin erfüllte das Medikament seinen Zweck und ich beschloss kurzerhand, eine Notfallapotheke in Deutschland zu ordern. Sonja (merci encore une fois) war so lieb und machte ihre Sprechstunde digital. Sie stellte mir ein paar „Must haves“ zusammen und schickte die Sachen zu den Großeltern, die mittlerweile ihren Flug für Ende Oktober gebucht hatten und die Sachen mitbringen werden. Wenn das mit der Verzögerung unseres Umzugs so weitergeht, würden Sie höchstwahrscheinlich noch beim Auspacken der Kisten helfen können. Es ist zwar ein wenig nervig, aber wirklich beschweren können wir uns über unsere Übergangsbleibe nicht. Nach der Schule sorgt der Pool für eine Abkühlung und Carl hält es dort ziemlich lange aus. Das werden sie dann sicherlich schon vermissen. Diesmal waren wir also nochmal um den Arztbesuch drumherum gekommen. Einige Tage später sprangen Martha und Carl auf dem Trampolin. Die gewöhnlichste Sache der Welt für Kinder, hatten wir doch selbst eines im Umzug. Ich genoss wie jeden Morgen meinen Espresso, doch plötzlich wurde ich durch Marthas Geschrei von meinen Siebträgerträumereien aufgeweckt. Sie war im Trampolin unglücklich gestürzt und hatte starke Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule. Jede Bewegung schmerzte. Ich trug sie ins Zimmer und versuchte sie zu beruhigen. Das gelang mit Feuerwehrmann Sam ganz gut, aber sie hatte eine Schonhaltung eingenommen. Man konnte es förmlich sehen, dass sie Schmerzen hatte. Es wurde auch nicht besser. Jetzt war also der Moment gekommen, wo ich tatsächlich mit ihr ins Krankenhaus musste. Doreen war zuerst nicht zu erreichen, aber ein Botschaftsmitarbeiter begleitete uns in die Klinik. Ich war mir immer noch nicht sicher, ob es überhaupt notwendig war. Marthas schmerzverzerrtes Gesicht gab mir prompt die Antwort. Die Policlinique du Plateau liegt unweit der Botschaft und ist erster Ansprechpartner im Falle des Falles. Wir wurden sogleich von einem Sekretär, bei dem alle Fäden zusammenzulaufen schienen, dem Kinderarzt vorgeführt. Es war ein einfach ausgestattetes Behandlungszimmer ohne Schnickschnack. Der Arzt wirkte vertrauenswürdig, aber Martha war wie immer skeptisch. Er schaffte es dennoch, sie zu überreden, ihre Schonhaltung aufzugeben und sich untersuchen zu lassen. Ich konnte ja noch nicht einmal sagen, wie es passiert war. Sie hatte sich offenbar nur den Nacken verstaucht, was aber sehr schmerzhaft war. Der Arzt verschrieb uns Paracetamol und Ibuprofen im Wechsel und dann würde sich das auch wieder einrenken. Das klang beruhigend und ich hatte vorerst genug der Aufregung. Wenige Tage später, es gab erneut Tilapia (Hühnchen für Martha) zum Abendessen, biss Doreen herzhaft in ihr Essen und wir hörten es beide knacken. Sie versicherte, dass es grätenfreies Fischfilet gewesen wäre. Naja, man kann ja auch mal eine übersehen. Statt einer Gräte hatte sich aber ein Stück von Doreens Zahnkrone gelöst und ich wusste, was dies bedeutete. Sollten sich etwa nun auch die regelmäßigen Zahnarztbesuche hier fortsetzen? Mal eben so nach Berlin ging nicht. Auch hier gab es zunächst die digitale Sprechstunde mit dem Arzt des Vertrauens in Berlin, aber das konnte ohne große Probleme auch vor Ort gelöst werden. Einen Zahnarzt des Vertrauens, ein Kirgise in Kigali, hatten wir bereits gefunden. Wochen später sollte er auch Carl einen Milchzahn ziehen, der dem neuen einfach keinen Platz machen wollte. Auch das lief super. Es gibt bestimmte Dinge im Leben, die man nur ungern wechselt. Dazu zählt auf jeden Fall der Zahnarzt und der Friseur. Für beide hatten wir mittlerweile in Kigali guten Ersatz gefunden. Ich weiß nicht, ob es Martha so gut in der Polyclinique du Plateau gefallen hatte. Jedenfalls hatte sie nach 1 1/2 Wochen Vorschule das dringende Bedürfnis, sich die halbe Nacht übergeben zu müssen. Am Essen konnte es eigentlich nicht gelegen haben, uns anderen ging es (noch) gut. Das Mahl in der Schule verschmähte sie weiterhin, offenbar, weil die jeweiligen Bestandteile bereits vermischt aufgetafelt werden. Manchmal blieb mir nur noch Kopfschütteln. Daran werden wir also arbeiten müssen. Tatsächlich entwickelte sie am nächsten Tag auch noch Fieber, womit man hier ja wegen Malaria nicht spaßen sollte. Stiche lassen sich leider nicht immer vermeiden. Ein Schnelltest mit Blutabnahme im Krankenhaus sollte Gewissheit bringen. Super, dachte ich. Blutabnahme auch noch. Aber sie war tapfer und Malaria war es zum Glück nicht. Sie hatte sich aber irgendwo einen Virus eingefangen, der bis auf Carl mit kleineren Magenbeschwerden auch auf uns überschwappte. Aber nicht weiter tragisch. Ich besorgte heimischen Fenchel-Tee, der mit umgerechnet 8,80 € förmlich goldwert war. Ich war froh, dass wir nunmehr auch einen Kinderarzt des Vertrauens gefunden hatten. Nachdem ich den ganzen Tag meinen Friseurtermin verschoben hatte, konnte ich abends dann endlich selbst zum Haareschneiden. Denn den Friseur des Vertrauens hatten wir ja bereits gefunden.
Lieber Norman, was für eine abenteuerliche Geschichte und wie viele Dinge passiert sind! Zum Glück scheint alles im Griff zu sein. Wir vermissen euch. Viele liebe Grüße
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