Akagera-Nationalpark mit Stopover im Fish Pub am Lac Muhazi

In Berlin gab es Momente, da hatten wir überlegt, das Auto zu Gunsten der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ganz abzuschaffen. Die Ausfahrten am Wochenende wurden dann aber doch zu häufig, so dass wir den Gedanken wieder verworfen hatten. Hier in Kigali war die Anmeldung unseres Autos letzte Woche erfolgreich vollzogen, so dass wir uns kurzerhand entschlossen, den Bewegungsradius über die Stadtgrenzen hinaus auszudehnen. Da in der kommenden Woche die Schule anfangen sollte, hatten wir beschlossen, Carl und Martha mit einem Ausflug in den Akagera-Nationalpark im Osten Ruandas an der Grenze zu Tansania zu überraschen. Einige Tage zuvor haben wir im Hotel noch die Bekanntschaft von Tiago und seinen Eltern Pedro und Quynh aus Toulouse gemacht. Pedro arbeitet eigentlich als Logistiker bei Airbus, die Versorgungsflüge für das Internationale Rote Kreuz fliegen. Irgendwann hat er aber entschieden, gleich für das Rote Kreuz zu arbeiten. Und so hatte ihn der Ausbruch des Vulkans Nyiarogongo im Mai diesen Jahres an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda hierher als Katastrophenhelfer geführt. Er beschrieb beeindruckende Erlebnisse in Goma, die das tatsächliche Ausmaß der Naturkatastrophe nur ansatzweise wiedergeben konnten. Bei Vulkanausbrüchen muss ich immer an unseren damaligen Guide auf La Reunion Rudy von Kokapat Rando denken. Rudy war und ist begeisterter Vulkanbesteiger und wenn irgendwo auf der Welt ein Ausbruch bevorsteht, dann schlägt sein Herz höher. Einen Ausbruch live mitzuerleben, war für ihn das non plus ultra. Wenn allerdings eine Vielzahl von Menschen davon betroffen ist wie die Millionenstadt Goma, dann tritt die Faszination für das Naturschauspiel in den Hintergrund. Dann kommt Pedro zum Zug. Seine Frau, die mit Tiago in Toulouse lebt und nur zum Urlaub vorbeikam, sagte scherzhaft, Pedro sei der einzige, der sich freue, wenn es irgendwo auf der Welt eine Katastrophe gebe. Sein nächster Einsatz würde ihn nach Haiti führen. Es ist schön zu sehen, wenn jemand seine Arbeit mit so viel Leidenschaft verübt. Mit der gleichen Leidenschaft wollte er uns einen schönen Ort am Lac Muhazi zeigen und er meinte, dass die Fahrt dorthin ein gutes Fahrtraining für den Ausflug zum Akagera-Nationalpark sei. Und so beschlossen wir kurzerhand, beides miteinander zu verbinden. Ich fühlte mich auch irgendwie ein wenig sicherer, denn eigentlich sollte unser Toyota vorher noch zur Inspektion. Dafür war jetzt keine Zeit mehr und die neuen Reifen waren eh noch im Container. Freitagmorgens ging es los und Carl beschloss, bei Pedro und Tiago mitzufahren. Google sagte 49 km, Fahrzeit 1h30. Allein aus Kigali hinaus dauerte es 45 Minuten. Pedro hatte uns vorgewarnt. Die Straße war die Transitstrecke Richtung Tansania und wurde von unzähligen LKWs benutzt. Hier würde auch irgendwann unser Container entlangfahren. Pedro hatte im Fish Pub reserviert und wir hatten uns tags zuvor bereits das Essen ausgesucht, so dass wir keine lange Wartezeit haben sollten. Nach gut einer Stunde Fahrzeit bog Pedro von der geteerten Hauptstraße links auf einen Schotterweg ab und hielt an. Den Wegweiser zum Lac Muhazi hatte ich noch gesehen, ihn aber nicht wirklich ernst genommen. Pedro stieg aus, kam zu uns rüber und erklärte, dass dies der Weg sei und ich ihm vorsichtig hinterherfahren solle. Ich fragte mich, wie der Allradmodus eingestellt werden konnte, eine Bedienungsanleitung hatte ich noch nicht gesehen. Naja, Vorbereitung ist alles. Die staubtrockene rote Erde kroch durch jede Ritze im Auto. Wir fuhren durch ein Wohngebiet und die Schule war gerade zu Ende. Unzählige Kinder waren zu Fuß unterwegs und überhaupt fühlten sich unsere Autos wie Fremdkörper in dieser Gegend an. Was für ein Kontrast zu Kigali. Wir blickten in lachende, fröhliche Kinderaugen, die uns zuwinkten und hinter den Autos hinterherliefen. Pedro hatte mir geraten, langsam zu fahren. Offen gestanden hatte ich keine Schule hier erwartet. In den nächsten zwei Jahren sollten immerhin landesweit 85 % der Schulen mit Internet ausgestattet werden. Das war ein ambitioniertes Ziel und zugleich Ausdruck des unabdingbaren Aufwärtsstrebens. Der Toyota brachte uns sicher an unser erstes Zwischenziel am Lac Muhazi und wir wurden von einer grünen Oase empfangen. Es war irgendwie unwirklich. Wir genossen unter Palmen das Essen und den Ausblick auf das Wasser. Es war schön, das hektische Treiben in Kigali gegen diesen Ort einzutauschen. Pedro erzählte von seinen Erfahrungen im Land und wir sind dankbar, dass er uns ein wenig in seine Welt hat eintauchen lassen. Der Tag hätte für mich schon hier enden können, um das Erlebte zu verarbeiten. Unsere Reise sollte aber weitergehen Richtung Osten. Nach zwei Stunden Auszeit fuhren wir zurück zur Hauptstraße, verabschiedeten uns von Pedro und seiner Familie, die zurück nach Kigali fuhren, und setzten unsere Reise nunmehr allein fort.

Das Navi sagte noch zwei Stunden. Die Geschwindigkeit wurde in regelmäßigen Abständen von Radarfallen, die mit deutscher Unterstützung errichtet worden waren, kontrolliert. Teilweise gehen die Orte ineinander über, so dass die Orientierung nicht immer einfach fällt. In Kabarondo bog der Weg zum Nationalpark nach links ab und schlagartig änderte sich das Straßenbild. Das dominierende Verkehrsmittel war nunmehr das Fahrrad. Es ist atemberaubend, was damit alles transportiert wird. Hühner, Bananen, Holzmaterial, Betten, Schränke… Am liebsten hätte ich eine Fotoserie gemacht. Das kommt vielleicht noch. Das uneingeschränkt wichtigste Transportgut war aber Wasser, welches an öffentlichen Brunnen zu Tage befördert und in gelbe Kanister abgefüllt wurde. Unser Guide im Nationalpark sollte uns später erzählen, dass sich gerade in der Trockenzeit das Grundwasser absenke und die Versorgung zu einer schweißtreibenden Arbeit werde. Wir kamen gegen fünf Uhr in unserer ersten Unterkunft außerhalb des Nationalparks an und genossen den fantastischen Blick von unserer Eco-Lodge auf den Lac Ihema, Ruandas zweitgrößten See. Am nächsten Abend sollten wir direkt am Ufer in einem Zelt übernachten. Beim Abendessen auf der Terrasse konnten wir in der Ferne Feuer sehen. Tansanische Bauern schafften auf diese Weise neue Anbauflächen, wurde uns berichtet. Der Akagera-Nationalpark wird im Osten durch den gleichnamigen Fluss begrenzt und hat heute nur noch 1/3 seiner ursprünglichen Größe. 2/3 wurden Ende der 80er Jahre durch die wachsende Bevölkerung in Siedlungsflächen umgewandelt. Heute umfasst der Park eine Fläche von ca. 900 qm, in dem man die Big Five (Löwe, Elefant, Büffel, Nashorn, Leopard), beobachten kann. Das war also das Ziel für den nächsten Tag. Wir fielen erschöpft ins Bett und sollten am nächsten Morgen von einem traumhaften Sonnenaufgang geweckt werden. Nicht ganz! An der Rezeption hatte man uns gebeten, kein Essen mit in die Zimmer zu nehmen, da sonst kleine Mäuse auf Nahrungssuche vorbeikämen. Wir haben uns natürlich an den Rat gehalten. Halb fünf wurde ich dennoch von leisen Tippelschritten auf einem Holzvorsprung geweckt. Ich war also wach und konnte auch nicht mehr schlafen. Carl hat dann beim Frühstück einen Vertreter der Mausart entdeckt – nichts wovor man Angst haben muss. Wir fuhren kurz nach sechs Uhr zum Eingang des Nationalparks und begrüßten an der Rezeption Peninah, die uns den ganzen Tag durch den Nationalpark führte. Sie arbeitet seit 15 Jahren als Guide im Park und hat darin ihre Berufung gefunden. Vor allem Martha hat sofort zu ihr Vertrauen gefasst. Bis 16:30 Uhr mussten wir es ja zusammen im Auto „aushalten“. Carl hatte es sich in der dritten Sitzreihe bequem gemacht und so ging es dann im Self-Drive-Modus durch den Park. Gewarnt hatte man uns zuvor vor der Tse-Tse-Fliege, deren Bisse ziemlich schmerzhaft wären. Vor allem aber, weil infizierte Fliegen die sog. Schlafkrankheit übertragen. Peninah beruhigte uns sogleich, es habe in den vergangenen Jahren keinen Fall hier im Park gegeben. Die Fliege mag vor allem fahrende und vibrierende Gegenstände, so dass man beim Stopp den Motor ausmache solle. Dann könnten wir auch das Fenster öffnen. So war es dann auch. Meine Frage, ob Peninah den Park auswendig kenne (insgesamt sind es 120km), beantwortete sie mit einem freudigen Nicken. Sie kannte nicht nur bestens Tier-und Vogelwelt, sie wusste auch noch dazu, wo man sie am besten antreffen konnte. Die einzige Garantie, die sie uns gab, war, dass wir in jedem Fall Nilpferde sehen würden. Zu ihrer Überraschung und zu unserer Freude hatten wir aber bis um 11 Uhr schon drei der Big Five – Löwe, Elefant, Büffel – gesehen. Der Leopard wäre eher nachtaktiv und Nashörner hätte auch sie in 15 Jahren nur dreimal gesehen. Es war in jeder Hinsicht ein eindrucksvoller Tag. Peninah half bei der Motivation der Kinder, die Autofahrt zu überstehen. Sie erwähnte, dass sie selbst zwei Kinder habe. Man sollte nicht zu viel reden und die Kinder ihre Erfahrungen machen lassen. Das hatten wir schon einmal gehört. Mich interessierte, ob sich eines ihrer Kinder auch für die Arbeit im Nationalpark begeistern könnte. Sie schüttelte den Kopf und meinte, dass ihre ältere Tochter Astrologie studieren und die erste Frau Ruandas auf dem Mond sein wolle. Das hätte ich nicht erwartet. Peninah navigierte uns souverän bei 37 Grad Außentemperatur durch den Park. Wir versicherten, dass wir in jedem Fall in der Regenzeit wiederkommen würden. Dann, wenn alles unglaublich grün sei. Die Vorfreude war schon jetzt groß. Wir verabschiedeten uns am Nachmittag und begaben uns zur zweiten Lodge im Park. Traumhaft am See gelegen. Das hatten wir uns nach der langen Fahrt verdient. Wir wurden herzlich empfangen und darauf hingewiesen, auf Carl und Martha aufzupassen. Nilpferde könnten in unmittelbarer Umgebung grasen. Sie hatte es kaum ausgesprochen, da kamen Carl und Martha schreiend den Holzsteg entlang gerannt. Nein, keine Nilpferde. Am Rand saßen Velvet Monkeys, die das vorsichtige Interesse unserer Kinder ebenso erwiderten. Ein schreckhafter, aber lustiger Moment, der bei allen in Erinnerung bleiben wird. Wir genossen den Abend am Feuer und herrlichem Essen und fielen erschöpft ins Bett. Martha hat seit unserer Ankunft in Ruanda noch nie so gut geschlafen wie hier. Morgens wurden wir durch die Geräusche der Nilpferde geweckt. Mit diesen imposanten Tieren frühstückten wir dann auch, blieben noch entspannt bis zum Mittag in der Lodge und machten uns danach auf den Heimweg nach Kigali.

Das Beste kommt zum Schluss!

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